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Plan13 - Am Rande des Wahnsinns

von Alex Wenner © 1/2013

AlexW - nahe am Wahnsinn?
AlexW am Rande des Wahnsinns

Heute ist mal wieder ein ganz schwarzer Tag – ich sehe kein Licht mehr am Ende des Tunnels – was bringt die Zukunft und zu was hat mich meine Vergangenheit gemacht. Ich wühle mich durch Klettermagazin-Plunder, auf meinem persönlichen Nostalgie-Trip ins Klettern-Nirvana des letzen Jahrhunderts – wo steht die absurde story über Himmelsflug, Bhagwan und Raketen nochmal von Darshano, wo die Abhandlung über die Sportklettern-Revolution der 80er von Diefes, in welchem Heft war nochmal der Artikel über schwules Klettern in der Pfalz,– ich kann sie alle nicht finden. Gefühlt durch mehrere tausend Hefte, durch lichtgeschützten konservierten Organo-Müll und suche einen einzigen verkackten Artikel, den ich mal schrieb, als Kletterartikel noch nicht diese Leere verursachten, eine Leere verursacht durch gähnende Langeweile. Satz für Satz, Wort für Wort, belanglose Ereignisse, seit Wolfgang Güllich seine Action Directe am Waldkopf zwickte.

Ich gleite auf den Heftoberseiten quer übers Bett, der Staub an ihnen bremst mich ein wenig aus. Wo ist mein verdammtes Handy? Ah, da isses, lass es aber trotzdem liegen, ich muss später drandenken – mein Hirn zeigt nur noch eine etwa zehnprozentige Aktivität – zugegeben, zuviel Information der letzten Tage macht mir zu schaffen. Ich muss los, zu einem geisttödenden weiteren Termin, es scheint ein Albtraum aus dunklen und beunruhigenden Dingen zu werden. Als ich mich aus den Fesseln der Bürokratie löse, habe ich mittlerweile vergessen, an was ich mich erinnern wollte, wenn ich zu Termin Drei aufbreche. Gemach gehts über den Odenwald Highway, zurück ins geliebte Land - die Pfalz. Ich dreh nochmal um, das Handy liegt auf der Küchenzeile. Ich muss noch die Blätter ausdrucken, 200 Bücher sortieren und archivieren und paar fade Telefonate führen - und unbedingt den Redakteur anrufen. Es geht um was wichtiges, um was historisches – um was künstlerisch Wertvolles. Es geht um einen Wissens-Transfer. Mein Plan 13 ist alle Welt zu informieren über einen Pionier – ein Pionier des Klettersports. Der Redakteur sagt: "Hey, wir müssen verkaufen, es geht nur um den Verkauf hier!" – mein Handy – es glüht. "Glaubst du tatsächlich, irgendein Spasti interessiert sich für die Historie – über die Entwicklung des 6.Grads in einer Mittelgebirgslandschaft? Uns beide interessiert es, aber den Rest? No way – schick mir mal den Erguss – ich les es mal – wenns mir gefällt, meld ich mich."

Kleingeistig umnachtete, südmafiösen Ursprungs, Unoriginelle können sich an dem Gedruckten, das der Mann ad hoc sonst so ablässt noch erquicken – andere kündigen – das Abo – es geht um Kündigung und um die Klitoris – aber das war paar Stunden später – Entschuldigung für den off-trip, aber der hat sich gelohnt – können sie mir glauben. „Das kennen sie doch – die empfindlichste Stelle an der Frau – DIE KLITORIS natürlich“, brüllt die Alte so laut durch den Shop, dass alle erschrecken, die da sonst sich noch hinter den Regalen versteckt haben. „Da ist eine Batterie dabei, das heisst sie können direkt loslegen, im Auto – na, das gefällt ihnen doch, oder? Dann, kurz vorm Höhepunkt- ja- sie wissen ja – da muss man eine kurze Pause machen.Und stellen Sie sich jetzt mal vor, auf Stufe 3 im dualen action Betrieb –die Zunge nicht vergessen – ein Traum oder?“ Das Handy klingelt ununterbrochen, mit rotem Kopf schleichen wir um die Ecke– der Redakteur ist dran. „Wir wollen genetisch junggebliebene Interviews, von Shooters, die mindestens 11 klettern - das will die Welt lesen, glaubs mir. Sie wollen hören dass Domek Evzen Jaroslav Rostivlav gerade eben seine 50-zigste 9a+ gepunktet hat – über den 6.Grad berichten wir aus ethisch genetischen Gründen und vor allem nicht mehr über bottom ten Begehungen“. Bottom ten- was ist das? „Low ten, flop ten, das Gegenteil von Top ten, mir doch egal – das ist die Liste der Begehungen von softmovern – wen interessiert Geschichte, wer interessiert sich für Touren schon, die leichter als 11 sind? – KEINER - niemand- tschüss.“

Zunehmender Narzissmus, grössere gesellschaftliche Freiheit, die Semantik lässt auf einen Werteverfall schliessen, keiner kennt mehr einen Güllich, wer war Kurt Albert? Wer war Bonatti, Buhl, Cassin, Gretschmann, Fehrmann – wer bin ICH und wer verdammt nochmal ist Domek Evzen Jaroslav Rostivlav – ich auf dem Rad in die Vergangenheit , das unaufhaltbar von der Fremde gesteuert im Gegenstrom Richtung Zukunft dreht?

Die Tussi dachte am Ende des Tages, ich meine die in dem Shop, sie hätte das Ficken erfunden, in etwa so wie manch Neuling unter den Kletterern glaubt, den Alten erklären zu müssen,wie das Klettern funktioniert (telefonische Nachricht von Wolfgang Kraus – Altmeister der Pfalz, Dez.12 – diese Erfahrung machte Wolfgang neulich am Büttelfels/Pfalz). Ich verlasse das Anrüchige, es tut mir nicht gut - wende mich wieder alten Werten zu, die ich als Kind so gemocht habe und meinen Träumen, die ich in den letzten 43 Jahren NOCH nicht leben konnte. Ja und, was man druckt oder nicht druckt, sage ich nur: ich habe den literaisch geistigen Verfall und gedruckten Dünnpfiff der Neuzeit akzeptiert – wenige Ausnahmen bringen Licht ins Dunkel.Ich geh zurück in meine Kammer, schlage ein altes Boulder-Magazin auf, trinke einen eiskalten Auxxerois dazu und mir kommen leider die Tränen.

Der Redakteur und die Orte im Bericht sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten wären zufällig,womöglich aber beabsichtigt. Die Frau im shop, die Hefte, die alpinistischen Persönlichkeiten, Wolfgang und den Autor gibts wirklich. © 2013 Alex Wenner