Es ist unglaublich, jetzt sind wir schon knapp 30 Minuten
unterwegs, quälen uns den steilen Berghang hoch, auf dem Rücken
ein Crash-Pad, bewaffnet mit Pof-Sack, Chalk-Bag und Zahnbürste.
Endlich stehen wir an dieser gigantischen Mauer, dieser Linie, ja knappe
1,5 m hoch, also eine Höhe von der noch nicht mal Nachbars Lumpi
runterpieseln würde. Wir ziehen unsere Schuhe an, kräftig
gebürstet, gepoft und gechalkt setzen wir uns auf unser Crash-Pad
und versuchen uns an dieser beeindruckenden Wand, einem klassischen
Sitzstartproblem. Nach 12 Versuchen haben wir den Gipfel erreicht, der
Abstieg ist kurz, keine 5cm trennen meine Füsse vom Boden. Was
tun wir hier eigentlich ?
Es ist wieder mal einer dieser regnerischen Pfälzer
Herbsttage ´96, an dem die Entscheidung schwer fällt, in
die Pfalz klettern zu gehen oder doch lieber im warmen Bett zu bleiben
und über die heroischen Taten vergangener Zeiten zu träumen.
An solchen Tagen stellt die Chips-Tüte die grösste Herausforderung
dar und die Finger werden lediglich durch Drücken der Fernbedienung
meines Flachbildschirms trainiert. Die Erlebnisse, die ein deutscher
Durchschnittsbürger heutzutage im Leben noch hat, sind im allgemeinen
ganz übersichtlich:
Baggern, Saufen, Stau, Sonnenbrand, Döner und Durchfall. Wir Kletterer
sind irgendwie anders, immer auf der Suche nach dem Besonderen, dem
nahezu Unmöglichen.
Projekte wie "Le Theatre" 8b/b+ hatte ich letztes Wochenende
zum Abschluss gebracht und in der Pfalz gab´s auch nichts mehr,
was uns hätte mental und zudem unsere verspannten Unterarme rehabilitieren
können. Es ging wie so oft zum Rödelstein, einem Felsen, ja
fast eine kulturhistorische Stätte Pfälzer Klettersports,
an dem schon Altmeister Richard Mühe und der Reinhard Karl, aber
auch Wolfgang Güllich in den siebziger und achtziger Jahren Spuren
hinterlassen hatten.
Unterhalb vom Einstieg des Klassikers "Kompletition"
9 startet ein Rissdachboulder namens "Backer Cracker", mit
pfälzisch 8 bewertet. Wahrscheinlich war es ein altes Kubin-Bild,
dass uns auf die Idee brachte, diesen klassischen Boulder mal zu klettern.
Dafür hatte dann Jan Omas Matraze aus dem Keller geholt und wir
schleppten dieses grosse unhandliche Stück aus Schaumstoff quer
durch den Wald zum Block und vorbeikommende Wanderer waren wohl mehr
als nur verwundert . Ja, sie waren schockiert. Wir sahen aus wie Großstadtpenner,
lange versiffte Haare, unrasiert und immer ein blödes Grinzen im
Gesicht, als hätten wir gerade eine Tüte geraucht. Das war
im Jahr ´88, wir waren lässige Kletterer, ohne Mobiltelefon,
nie erreichbar und immer auf der Suche nach Erlebnissen, die dem Fünfundneunzigprozentler
fremd sind.
Wer kennt nicht das Bild im Boulder-Magazin von Milan Sykora im Ameisentrail
oder Wolfgang in Bärenkralle, einem B1- Boulder. Es ist interessant,
daß der Diefenbach, kurz "Diefes" , die 2. und die 5.
Begehung von Bärenkralle verbuchen konnte. Da wurden noch alle
Begehungen eines Boulders chronologisch gezählt , das waren geile
Zeiten.
Genau fünf Meter unterhalb dieser beiden Klassiker muss der Wolfgang
zu frühen Zeiten einen Mantle durchgepresst haben, der in prähistorischer
Boulderliteratur mit "Warming up the Band" beschrieben wird
und neben dem Buchholzboulder und der Bärenkralle, die damalige
Belastungsgrenze in pfälzischen Bouldergefilden darstellte.
Gerade haben wir unser wochenendübliches Spulprogramm
an "Gerüchte" und "Le Marteau" absolviert,
schon ist Ingo dabei "Warming up the band" zu inspizieren.
Nach zwei Stunden ist dieses Teil reanimiert und dem Kreis der Boulderer
wieder zugänglich gemacht. Durch diesen Befreiungsschlag haben
wir Pfälzer Klettergeschichte wiederbelebt und einen Boom ausgelöst
der, wie es sich noch herausstellen soll, ein Bouldergebiet entstehen
lässt, daß mit viel Fantasie, zumindest qualitativ mit Fontainebleau
vergleichbar ist. Ob Warming jetzt B1+ war oder Fb.7a+ war uns unwichtig,
es hatte für uns eine neue Phase Pfälzer Erschliessung eingeleitet.
Diese Erschliessungsphase war eine gelungene Abwechslung zu den "gefährlichen"
Pfälzer Touren und dem Strassenlärm in Kronthal. In den folgenden
Jahren hat sich in der Pfalz eine "Szene" breitgemacht, die
über Handys erreichbar ist, die Griffabfolgen der Boulder werden
schnell mal D1-2-3 online diskutiert, ganz im Wandel der Zeit. Diese
Typen, hart wie Stahl, Nutella-gedopt und dünn wie ein McD Cheeseburger,
haben das Bouldern in der Pfalz in beachtlichen Schritten ins neue Jahrtausend
katapultiert.
Kurz nachdem der Rödel-Boulder und andere aus Ihrem
Tiefschlaf erwachten, ergriff uns das Boulderfieber in einem neuem Gebiet
der Vorderpfalz, der Haard. Es wurde kräftig gepumpt und terminiert
und innerhalb kürzester Zeit waren bereits mehr als 50 Probleme
entstanden. Ja, man könnte fast sagen, es waren die Youngsters
und Shooting-Stars Lutz Limburg und Markus Mayer, die eine Höhle
fanden, in der wahrscheinlich zu Urzeiten Neandertaler unterhalb der
heutigen "Chakra" ums Überleben kämpften.
Daß diese Höhle zu einem Treffpunkt Pfälzer Terminatoren
wurde, verdanken wir natürlich nicht nur den Youngsters, mehr noch
dem Potential, daß sukzessive erbouldert wurde und Boulder wie
"Chakra", eine 14-Zug Traverse, die verdient die Bewertung
Fb. 7c trägt, oder "Mantra" Fb. 7c entstehen liessen.
In Chakra bekommt der Boulder-Termi einiges geboten, eine Traverse an
Slopern, ein weiter Spanner im Dach und zum Schluss muss zum Ausstiegsgriff
gehangelt werden, alles was ein Boulderer-Herz begehrt.
So nach und nach wurden auch die umliegenden Blöcke inspiziert
und schnell gab es den Medizinmann-Block, an dem der sandsteinbegabte
Termininator sich am bis dato unwiederholten 3-Zug Problem "Isometrie"
Fb. 7c, daß von mir erstbegangen wurde,
versuchen kann. Rechts davon gibt´s noch "Inversion"
Fb. 7b, das auch nicht so spaziert werden kann, wie man es von einer
Fb.7b beispielsweise in der Fränkischen gewohnt ist.
So haben wir es auch einem Emigranten aus der Fränkischen, Gerd
Schöffl, zu verdanken, daß selbst ein Pfälzer mal ein
Fingerloch durchziehen darf. Dieser hat nämlich am Medizinmann-Block
den Dauerfingerloch-Boulder "Gerds Problem" Fb. 7a+ erstbegangen.
Namen wie "Nayru" oder "Smegma" sind Boulder, die
zum Aufwärmen einladen und danach können so Pieces wie "Lunaris",
ein 2-Zug 7b-Problem oder "Kinesis" Fb.7a/b in den siebten
Boulderhimmel überleiten. Tiefer im Wald wurden neue Blöcke
erschlossen und fordern den Filigrantechniker in Bouldern wie "Gottes
Lohn" Fb.7b+ zum Plattentanz auf, der durchaus mit dem Bleau-Klassiker
"Joker" vergleichbar ist, eben nur deutlich schwerer. Leider
ist es so, daß der pfälzische Bouldergott auf der Haard nicht
an die Schwachen gedacht hat und uns daher überwiegend Felsen mit
Bouldern der härteren Gangart beschert hat. Wer den Willen und
die Fantasie hat, der findet sicherlich gemässigte Boulder an weiteren
Blöcken, sodaß auch der Genußsüchtige krallen
gehen kann. Wer denn will, kann in schönstem Ambiente der zentralen
Südpfalz relativ moderat bouldern gehen.
Im südlichen Teil der Pfalz, wurden durch Alt- und
Jung-Pfälzer wie Peter Weinrich und Timm Gutensohn etliche Boulder-Juwelen
ausgegraben und erst vor kurzem von Pascal Schouwink ein weiteres Highlight
am Runden Hut "Die Sau" Fb. 7b erstbegangen. Schweinische
Züge leiten dabei direkt zur Sauleiste, die dann mit beherztem
Grunzen dynamisch zum Ausstieg führt. Startet man im gleichen,
tiefen und dunklen Loch des Runden Huts, krallt aber nach links zu einer
kleinen Stellerleiste, befindet man sich in "Zadduk", einem
der besten Boulder der Pfalz. Der Runde Hut ist zumindest was den Zustieg
anbelangt für den dünnbewadeten Boulderer am Rande des Erträglichen.
Zwanzig Minuten in steilsten Serpentinen sollte man vom Parkplatz bis
zur Arena der Kraft schon einplanen. Dort angekommen schaffen ein paar
Glimmstengel, oder für den Nichtraucher auch ein Powerbar oder
ein Müsliriegel, Gelegenheit seinen Blutdruckpegel wieder zu normalisieren.
Wenn man Glück hat, trifft man unterwegs auch ein paar Wildschweine.
Ich war gerade mit meinem allmorgendlichen 3-K Ritual
beschäftigt. Zwei Ks, d.h. Kaffee und Kippe, hatte ich schon hinter
mir, das dritte K für Kack. stand kurz bevor, da rief Lutz an und
schwärmte von Gerds neuer Entdeckung. Vor einiger Zeit hat Franken-Termi
Schöffl in der Nähe des Hermersberger Hofs einen Block entdeckt,
der jetzt den Namen Mandala trägt. Die gleichnamige Traverse haben
wir an diesem Morgen unter Beschuss genommen; sie bietet feinstes Bouldern
an Löchern und Leisten. Nachdem ich Mandala Fb.7c/c+ erstbegangen
hatte, konnten Ingo und Lutz nach ausgiebigem Meditieren ihre angestaute
Energie auf den Block übertragen und diesen Traum-Boulder wiederholen.
Am gleichen Block, gleicher Start, gleiche Teilnehmer dieser Trainingsausfahrt,
andere Uhrzeit, hat Lutz direkt zum Ausstieg gebouldert, ohne Umweg
nach links zur Kante. Das Resultat ist überzeugend, Pantheon erblickte
als Boulder das Licht der Welt. Es war ein schöner sonniger Tag.
Mittlerweile hat sich eine starke Gruppe aus hochmotivierten Blockfetischisten
zusammengefunden, immer auf der Suche nach magischen Boulderproblemen.
Das alles ist sicher erst der Anfang freiwerdender Energien und wir
werden weiterhin terminieren, bis sich auch der letzte Block hat richten
lassen.
Aber woher kam diese Motivation, die uns diesen Hügel
hochgetrieben hat? Ist es die Suche nach dem kinästhetischen Bewusstsein,
die gleichbedeutende Loslösung von der allgemeinen Kletterwelt,
so wie das Boulderpabst Gill beschrieben hat , oder ist es einfach nur
ein Mangel an wirlich guten Routenprojekten?
......es wird Zeit ins Cafe zu gehen.