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Haard Grit - Bouldern in der Pfalz
Autor: Alex Wenner
erschienen im rotpunkt 4/2000 mit Topos u. Bildern

Es ist unglaublich, jetzt sind wir schon knapp 30 Minuten unterwegs, quälen uns den steilen Berghang hoch, auf dem Rücken ein Crash-Pad, bewaffnet mit Pof-Sack, Chalk-Bag und Zahnbürste. Endlich stehen wir an dieser gigantischen Mauer, dieser Linie, ja knappe 1,5 m hoch, also eine Höhe von der noch nicht mal Nachbars Lumpi runterpieseln würde. Wir ziehen unsere Schuhe an, kräftig gebürstet, gepoft und gechalkt setzen wir uns auf unser Crash-Pad und versuchen uns an dieser beeindruckenden Wand, einem klassischen Sitzstartproblem. Nach 12 Versuchen haben wir den Gipfel erreicht, der Abstieg ist kurz, keine 5cm trennen meine Füsse vom Boden. Was tun wir hier eigentlich ?

Es ist wieder mal einer dieser regnerischen Pfälzer Herbsttage ´96, an dem die Entscheidung schwer fällt, in die Pfalz klettern zu gehen oder doch lieber im warmen Bett zu bleiben und über die heroischen Taten vergangener Zeiten zu träumen. An solchen Tagen stellt die Chips-Tüte die grösste Herausforderung dar und die Finger werden lediglich durch Drücken der Fernbedienung meines Flachbildschirms trainiert. Die Erlebnisse, die ein deutscher Durchschnittsbürger heutzutage im Leben noch hat, sind im allgemeinen ganz übersichtlich:
Baggern, Saufen, Stau, Sonnenbrand, Döner und Durchfall. Wir Kletterer sind irgendwie anders, immer auf der Suche nach dem Besonderen, dem nahezu Unmöglichen.
Projekte wie "Le Theatre" 8b/b+ hatte ich letztes Wochenende zum Abschluss gebracht und in der Pfalz gab´s auch nichts mehr, was uns hätte mental und zudem unsere verspannten Unterarme rehabilitieren können. Es ging wie so oft zum Rödelstein, einem Felsen, ja fast eine kulturhistorische Stätte Pfälzer Klettersports, an dem schon Altmeister Richard Mühe und der Reinhard Karl, aber auch Wolfgang Güllich in den siebziger und achtziger Jahren Spuren hinterlassen hatten.

Unterhalb vom Einstieg des Klassikers "Kompletition" 9 startet ein Rissdachboulder namens "Backer Cracker", mit pfälzisch 8 bewertet. Wahrscheinlich war es ein altes Kubin-Bild, dass uns auf die Idee brachte, diesen klassischen Boulder mal zu klettern. Dafür hatte dann Jan Omas Matraze aus dem Keller geholt und wir schleppten dieses grosse unhandliche Stück aus Schaumstoff quer durch den Wald zum Block und vorbeikommende Wanderer waren wohl mehr als nur verwundert . Ja, sie waren schockiert. Wir sahen aus wie Großstadtpenner, lange versiffte Haare, unrasiert und immer ein blödes Grinzen im Gesicht, als hätten wir gerade eine Tüte geraucht. Das war im Jahr ´88, wir waren lässige Kletterer, ohne Mobiltelefon, nie erreichbar und immer auf der Suche nach Erlebnissen, die dem Fünfundneunzigprozentler fremd sind.
Wer kennt nicht das Bild im Boulder-Magazin von Milan Sykora im Ameisentrail oder Wolfgang in Bärenkralle, einem B1- Boulder. Es ist interessant, daß der Diefenbach, kurz "Diefes" , die 2. und die 5. Begehung von Bärenkralle verbuchen konnte. Da wurden noch alle Begehungen eines Boulders chronologisch gezählt , das waren geile Zeiten.
Genau fünf Meter unterhalb dieser beiden Klassiker muss der Wolfgang zu frühen Zeiten einen Mantle durchgepresst haben, der in prähistorischer Boulderliteratur mit "Warming up the Band" beschrieben wird und neben dem Buchholzboulder und der Bärenkralle, die damalige Belastungsgrenze in pfälzischen Bouldergefilden darstellte.

Gerade haben wir unser wochenendübliches Spulprogramm an "Gerüchte" und "Le Marteau" absolviert, schon ist Ingo dabei "Warming up the band" zu inspizieren. Nach zwei Stunden ist dieses Teil reanimiert und dem Kreis der Boulderer wieder zugänglich gemacht. Durch diesen Befreiungsschlag haben wir Pfälzer Klettergeschichte wiederbelebt und einen Boom ausgelöst der, wie es sich noch herausstellen soll, ein Bouldergebiet entstehen lässt, daß mit viel Fantasie, zumindest qualitativ mit Fontainebleau vergleichbar ist. Ob Warming jetzt B1+ war oder Fb.7a+ war uns unwichtig, es hatte für uns eine neue Phase Pfälzer Erschliessung eingeleitet. Diese Erschliessungsphase war eine gelungene Abwechslung zu den "gefährlichen" Pfälzer Touren und dem Strassenlärm in Kronthal. In den folgenden Jahren hat sich in der Pfalz eine "Szene" breitgemacht, die über Handys erreichbar ist, die Griffabfolgen der Boulder werden schnell mal D1-2-3 online diskutiert, ganz im Wandel der Zeit. Diese Typen, hart wie Stahl, Nutella-gedopt und dünn wie ein McD Cheeseburger, haben das Bouldern in der Pfalz in beachtlichen Schritten ins neue Jahrtausend katapultiert.

Kurz nachdem der Rödel-Boulder und andere aus Ihrem Tiefschlaf erwachten, ergriff uns das Boulderfieber in einem neuem Gebiet der Vorderpfalz, der Haard. Es wurde kräftig gepumpt und terminiert und innerhalb kürzester Zeit waren bereits mehr als 50 Probleme entstanden. Ja, man könnte fast sagen, es waren die Youngsters und Shooting-Stars Lutz Limburg und Markus Mayer, die eine Höhle fanden, in der wahrscheinlich zu Urzeiten Neandertaler unterhalb der heutigen "Chakra" ums Überleben kämpften.
Daß diese Höhle zu einem Treffpunkt Pfälzer Terminatoren wurde, verdanken wir natürlich nicht nur den Youngsters, mehr noch dem Potential, daß sukzessive erbouldert wurde und Boulder wie "Chakra", eine 14-Zug Traverse, die verdient die Bewertung Fb. 7c trägt, oder "Mantra" Fb. 7c entstehen liessen. In Chakra bekommt der Boulder-Termi einiges geboten, eine Traverse an Slopern, ein weiter Spanner im Dach und zum Schluss muss zum Ausstiegsgriff gehangelt werden, alles was ein Boulderer-Herz begehrt.
So nach und nach wurden auch die umliegenden Blöcke inspiziert und schnell gab es den Medizinmann-Block, an dem der sandsteinbegabte Termininator sich am bis dato unwiederholten 3-Zug Problem "Isometrie" Fb. 7c, daß von mir erstbegangen wurde,
versuchen kann. Rechts davon gibt´s noch "Inversion" Fb. 7b, das auch nicht so spaziert werden kann, wie man es von einer Fb.7b beispielsweise in der Fränkischen gewohnt ist.
So haben wir es auch einem Emigranten aus der Fränkischen, Gerd Schöffl, zu verdanken, daß selbst ein Pfälzer mal ein Fingerloch durchziehen darf. Dieser hat nämlich am Medizinmann-Block den Dauerfingerloch-Boulder "Gerds Problem" Fb. 7a+ erstbegangen. Namen wie "Nayru" oder "Smegma" sind Boulder, die zum Aufwärmen einladen und danach können so Pieces wie "Lunaris", ein 2-Zug 7b-Problem oder "Kinesis" Fb.7a/b in den siebten Boulderhimmel überleiten. Tiefer im Wald wurden neue Blöcke erschlossen und fordern den Filigrantechniker in Bouldern wie "Gottes Lohn" Fb.7b+ zum Plattentanz auf, der durchaus mit dem Bleau-Klassiker "Joker" vergleichbar ist, eben nur deutlich schwerer. Leider ist es so, daß der pfälzische Bouldergott auf der Haard nicht an die Schwachen gedacht hat und uns daher überwiegend Felsen mit Bouldern der härteren Gangart beschert hat. Wer den Willen und die Fantasie hat, der findet sicherlich gemässigte Boulder an weiteren Blöcken, sodaß auch der Genußsüchtige krallen gehen kann. Wer denn will, kann in schönstem Ambiente der zentralen Südpfalz relativ moderat bouldern gehen.

Im südlichen Teil der Pfalz, wurden durch Alt- und Jung-Pfälzer wie Peter Weinrich und Timm Gutensohn etliche Boulder-Juwelen ausgegraben und erst vor kurzem von Pascal Schouwink ein weiteres Highlight am Runden Hut "Die Sau" Fb. 7b erstbegangen. Schweinische Züge leiten dabei direkt zur Sauleiste, die dann mit beherztem Grunzen dynamisch zum Ausstieg führt. Startet man im gleichen, tiefen und dunklen Loch des Runden Huts, krallt aber nach links zu einer kleinen Stellerleiste, befindet man sich in "Zadduk", einem der besten Boulder der Pfalz. Der Runde Hut ist zumindest was den Zustieg anbelangt für den dünnbewadeten Boulderer am Rande des Erträglichen. Zwanzig Minuten in steilsten Serpentinen sollte man vom Parkplatz bis zur Arena der Kraft schon einplanen. Dort angekommen schaffen ein paar Glimmstengel, oder für den Nichtraucher auch ein Powerbar oder ein Müsliriegel, Gelegenheit seinen Blutdruckpegel wieder zu normalisieren. Wenn man Glück hat, trifft man unterwegs auch ein paar Wildschweine.

Ich war gerade mit meinem allmorgendlichen 3-K Ritual beschäftigt. Zwei Ks, d.h. Kaffee und Kippe, hatte ich schon hinter mir, das dritte K für Kack. stand kurz bevor, da rief Lutz an und schwärmte von Gerds neuer Entdeckung. Vor einiger Zeit hat Franken-Termi Schöffl in der Nähe des Hermersberger Hofs einen Block entdeckt, der jetzt den Namen Mandala trägt. Die gleichnamige Traverse haben wir an diesem Morgen unter Beschuss genommen; sie bietet feinstes Bouldern an Löchern und Leisten. Nachdem ich Mandala Fb.7c/c+ erstbegangen hatte, konnten Ingo und Lutz nach ausgiebigem Meditieren ihre angestaute Energie auf den Block übertragen und diesen Traum-Boulder wiederholen. Am gleichen Block, gleicher Start, gleiche Teilnehmer dieser Trainingsausfahrt, andere Uhrzeit, hat Lutz direkt zum Ausstieg gebouldert, ohne Umweg nach links zur Kante. Das Resultat ist überzeugend, Pantheon erblickte als Boulder das Licht der Welt. Es war ein schöner sonniger Tag.
Mittlerweile hat sich eine starke Gruppe aus hochmotivierten Blockfetischisten zusammengefunden, immer auf der Suche nach magischen Boulderproblemen.
Das alles ist sicher erst der Anfang freiwerdender Energien und wir werden weiterhin terminieren, bis sich auch der letzte Block hat richten lassen.

Aber woher kam diese Motivation, die uns diesen Hügel hochgetrieben hat? Ist es die Suche nach dem kinästhetischen Bewusstsein, die gleichbedeutende Loslösung von der allgemeinen Kletterwelt, so wie das Boulderpabst Gill beschrieben hat , oder ist es einfach nur ein Mangel an wirlich guten Routenprojekten?
......es wird Zeit ins Cafe zu gehen.