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von Alex Wenner Altmeister Wolfgang Kraus
im Interview mit Alex Wenner
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Wann hat du angefangen mit dem Klettern – du warst zusammen mit Thomas Nöltner einer der Freikletterpioniere in der Pfalz, die das Schwierigkeitsklettern nach der Hasselwander Ära gepushed haben – gabs sonst noch gute Freikletterer ausser dir und Thomas Nöltner in der Pfalz in den 70ern?

Ohweh, jo. Angefangen habe ich 1974 mit dem Klettern, da war ich 15. Das Freiklettern war ´74 noch gar nicht erfunden. Angefangen hat alles an den Felsen von Kirkel und das war meine Eintrittskarte fürs Klettern. Da haben wir erstmal ein dreiviertel Jahr lang trainiert und das war die Qualifikation, um in der Pfalz klettern zu gehen. Ich hatte es so gelernt, dass das zu der Zeit schwierigste ein 6er war. Für alles was schwieriger ist, nehmen wir eine Trittleiter oder zwei und ziehen uns von Haken zu Haken und die ganz Guten legen zwischen den Haken noch einen Klemmkeil, sodass man besser an den nächsten Haken kommt.

Das alles sind wir mit Bollerschuhen geklettert. Wir hatten ja ziemlich schnell realisiert, dass der Reinhard Karl mit seinen Pumprissen den 7. Grad frei geklettert ist, Thomas Nölter kletterte ja das Reibeisen am Büttel schon 1976 frei. Der Reinhard hatte aber schon soviel Weitblick, dass man das Freiklettern nach seiner Aktion am Fleischbankpfeiler generell auf die Pfalz übertragen kann, abgesehen von den bereits frei gekletterten von Hasselwander und Nöltner. Dann haben wir die Klosterwand und die Götterverschneidung an den Fladensteinen und so weiter frei probiert.

1977- Direkter Dezemberweg am Rödel – heute mit 8 bewertet – ausgebrochen ist da nix- du hattest es mit 7+ bewertet – Coolness, oder warst du schon saustark für die Zeit?

Wolfgang Kraus klettert „Direkte Eichhornwand“ 7 am Pferchfeld
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
Wir wussten ja nicht, dass es den 8. Grad gibt, so sagten wir halt, 7+ wird es schon sein. Da waren ja auch der junge Güllich, Nöltner, Mühe und Kubin dran.
Wolfgang klettert den Laub-Klassiker „Bogenverschneidung“ 7- an den Drei Felsen
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
Irgendeiner von dieser starken Truppe musste dann mal sagen, dass beim 7. Grad die Welt nicht aufhört, es gibt auch den 8. Und wenn man dann an eine etwas steilere Wand ist und die Griffe kleiner wurden, war allen klar, dass das auf jeden Fall schwerer ist und das die Skala nach oben offen sein muss.
Wolfgang klettert „Bätman“ 8+/9- am Lämmerfelsen
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Gerade Ende der Siebziger waren wir häufiger im Frankenjura; da hatten wir so einen „Komischen“ getroffen. Das war Wolfgang Flipper Fietz und jeder sagte: das ist ja verrückt was der macht – ..das ist ein Verrückter. Da sind wir raus an die Klagemauer und Flipper turnte uns paar dieser Boulder vor. Das war ganz weit weg, von dem was wir damals klettern konnten. Der hat einfach das „Technics“ (9) gehangelt, ohne Füsse.
Wolfgang klettert „Talwand“ 8- am Schönauer Pfaffenfels
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Der Wolfgang Güllich war da auch dabei und der Norbert Bätz. Da sagten wir, ok, wir kommen in einem Jahr wieder, demütig fuhren wir nach Hause. Alle damaligen 10er vom Wolfgang oder auch das Face hatte ja der Flipper schon mit Seil viel früher gebouldert. Der Fietz war uns da um zwei volle Grade voraus.

Alpen – du hattest damals die Amerikanische Direkte an der Drus wiederholt – waren die Alpen deins?

Stimmt, etwa zur gleichen Zeit sind wir natürlich auch die Alpen zum Klettern, öfters in die Schweiz, Handegg und Furka. Da trafen wir den Martin Schehl und der schwärmte von einer Stelle oben in der 8. Seillängen Tour, die noch niemand frei klettern konnte. Wir haben die dann a.f geklettert, heute ist der Gandschjien Südpfeiler mit 9- bewertet, d.h. den 9. Grad gab es auch schon sehr früh in den Alpen, was viele nicht wissen.

1979 Powerbär- definitiv die erste Route im 9. Grad in Deutschland – das ist soweit am Arsch der Welt. Warum gerade die Wand am Jean Turm?

Der junge Güllich bei der ersten Rotkreis-Begehung von „Im Westen nichts Neues“ 9- am Nonnenfels 1980
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Die Altschloßfelsen haben mir schon immer gut gefallen und wir hatten ganz simpel Wandbereiche in der Pfalz gesucht, wo auch die kleinen Griffe nicht abbrechen. Damals konnten und durften wir ja keine Strukturen befestigen oder abgebrochene wieder ankleben. Powerbär hatte ich schon von oben eingebohrt, aber nicht ausgebouldert, sondern im damals üblichen jojo Stil von unten geklettert.
Der junge Güllich bei der ersten Rotkreis-Begehung von „Im Westen nichts Neues“ 9- am Nonnenfels 1980
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Das heißt, wenn man mal über dem sandigen Schrott auf den ersten fünf Metern war, wurde alles fest, für die Zeit eine Toptour. Ich hatte zum Beispiel die Kochplatte am Rödelstein von unten gebohrt und da hatte ich drei Tage rumgemacht mit dem Handbohrer bis ich die Ringe drin hatte. Das wurde zwar in der Pfalz gern gesehen, hatte mir aber nicht gefallen. Die Haken waren dann nicht unbedingt da, wo man sie hätte bohren sollen.

1982 – erste Freie vom Trifelsdach, glatt 9 damals (dann 8+/9-) das heute übrigens sukzessive wieder
schwerer wurde – ich habs neulich wieder geklettert, die Letten an der Dachkante sind gewaltig kleiner
als vor paar Jahren.

Was? So schwer hatte ich das bewertet? Also generell war das auch bisschen Faulheit von uns. Wir suchten einfach nach Touren, die vernünftig abgesichert waren und zudem noch keine freie Begehung hatten- der damalige Rest am Trifels wurde ja vorher schon frei geklettert. Unten in den Platten hatten
wir auch oft rumgemacht – Hexentanz, Zehentanz usw.

Zehentanz ist aber vom Mühe – oder?

Jaja..schon, aber wir hatten immer rumgezankt, wer eine Tour gebohrt hat und wer zuerst probieren darf. Es galt, nachdem das Racofix trocken war, wer als erster da war, durfte die Tour klettern. An einem Tag hatte Wolfgang Güllich „Utopia“ 8 am Asselstein gemacht, die hatten wir zusammen vorher gebohrt und am selben Tag bohrten wir ja noch den Hexentanz, den er mir überließ.

Internationales Klettertreffen in Südfrankreich '82 – Nebenbei hast du mit Wolfgang Güllich dort ein paar Verdon Klassiker gezwickt- z.B. Fenrir war vom Edlinger mit 8b bewertet. Güllich und du habt es auf 7c korrigiert. Erzähl mal. Kam eine Einladung, oder habt ihr euch selbst eingeladen und seid einfach hingefahren?

Cover von dem Güllich Buch „Klettern heiss frei sein“ – T.Hepp – Bild vom Int. Klettertreffen im Verdon
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
Das war von den Franzosen, darunter der Patrick Edlinger, initiiert. Es waren zwei aus Deutschland eingeladen, der Wolfgang Güllich und ich und der Deutsche Alpenverein durfte bestimmen wer kommen soll.
Wolfgang Kraus (li) und Wolfgang Güllich wiederholen beim Klettertreffen 1982 im Verdon die derzeitgen Toptouren
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
Und da der Güllich schon mal eingeladen war, ist der ganze Frankenjura Trupp mitgefahren. Kurt Albert, Norbert Sandner waren dabei und wir alle konnten ja nur englisch, das heißt keiner konnte sich mit den
Cover des Güllich-Buchs – High Life – Wolfgang ist mit einem Bild in Südfrankreich vertreten
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Franzosen richtig gut unterhalten. Wir hatten die aus der Distanz so halbherzig angeguckt und die uns auch.
Der Franzose an sich kann ja nur französisch, englisch wollten die  damals mit uns nicht reden. Jedenfalls wollten wir denen dann schon mal zeigen, was wir klettern können. Das Fenrir hatten wir ausgebouldert und beide am Tag später geklettert und abgewertet- war nur 9, kein 10er. Bei dem selben Klettertreffen paar Tage zuvor waren wir schon in Saussois.
Wolfgang Kraus klettert die „Athos-Platte“ 7a in Monaco
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Da hatten die Franzosen die ganzen Touren vorher auswendig gelernt und die hatten uns dann mal vorgemacht, wie man richtig klettert. Und da kommst an diese abgespeckte Routen und steckst da deine Finger rein!?... Gut, da ist keiner von uns abgehoben. Die Franzosen wollten sich halt bei beiden Treffen als europäische Spitze präsentieren und den anderen Europäern mal zeigen, wo der Hammer hängt. Das war süss.

1983 Erste europäische Begehung von dem Boulder „Midnight Lightning“ B2 im Yosemite damals, heute V8 oder Fb.7b/b+

Jo, äiner muss es jo mache (einer muss es ja machen)! Ich war schon ´82 in USA und hatte vorher die Breitengrade gecheckt. Ich dachte, das ist auf Höhe von Nordafrika – das Yosemite. Da fahr ich im Februar hin – das wird super, dacht ich. Da lag aber dann 1,50 m Schnee. Ein Jahr danach kam ich nochmal, der Ron Kauk war auch dabei und der John Bachar, den ich ja schon ´81 in Konstein beim Klettertreffen kennengelernt hatte. Als ich Midgnight boulderte, war Kauks Kommentar: "Jo, gut." Der war mit der Begehung einverstanden...

1984 erste RP von Magnetfinger 9 – da müssen schon Griffe gefehlt haben, in nachhhinein betrachtet
war Magnetfinger zu der Zeit, als Wolfgang die erste Rotkreisbegehung kletterte, nur 8+/9- . Hat dir das Pfalzklettern mehr Spass gemacht als in Franken oder Übersee?

Im Bergsteiger Dezember 1985 erscheint ein Artikel vom Wolfgang. Im Bild klettert er den Magnetfinger und die Vollstreckung
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Jo, gibs ihm (grinst). Ist mir egal, später hatte ich den Magnetfinger zur Trainingstour erklärt, so wie du auch. Sandsteinklettern gefällt mir besser als Kalk. In Franken hatte ich schon lange gebraucht, um mich an die brachialen Fingerlöcher zu gewöhnen und es hatte eine ganze Zeit gedauert,
Wolfgang klettert den Magnetfinger am Burghalde, zu der Zeit glatt 9
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bis ich denen vertraut hatte, ohne mir einen Finger abzureissen. Ich wollte aber nicht nur beim Klettern in Franken abhängen. Ich wollte ja auch studieren, somit wurde die Pfalz zu meiner Kletterheimat und Südfrankreich im Winter.

Frühe Wiederholung von Moffats Face , erste 10- in Europa und eine der ersten Wiederholungen von
Kanal im Rücken, erster glatter Zehner in Europa. Wie of musstest du ins Altmühltal? Lagen dir brachiale
Boulderzüge?

Frühe Wiederholung von Face
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
Wolfgang Kraus in „Kanal im Rücken“ 10, Altmühltal, der erste glatte 10er weltweit von Wolfgang Güllich aus dem Jahr 1984. Das Foto wurde 1985 von Heinz Zak aufgenommen und im Bergsteiger Mag 12/85 veröffentlicht.
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Ich hatte das Face vor dem Wolfgang geklettert, da ich damals sagte, die dritte Begehung ist doch nicht mehr soviel wert, ich denke ich habe die Zweite(Anm.d.Red: Glowi kletterte die Tour am 2.6.84). Vom Kanal habe ich die Dritte. Ich bin ziemlich oft hingefahren ins Altmühltal, nicht nur wegen dem Face. Ich hatte mich zu der Zeit dem Sepp Gschwendtner angeschlossen und seinen sächsischen Freunden, die um München rum wohnten, wollte das Kalkklettern und die glatten Risse, die die kletterten bewegungstechnisch intensivieren. Um Prunn rum hatte ich zu der Zeit das meiste gemacht.

Da hast auch am Helfenstein im Elsaß ein paar Eier serviert- mit Darkside oder Maske vom Burggespenst 10-
- „Krauselige“ Einzelstelle – wie kam's?

Die alte Masche. Der Helfenstein bietet dermaßen feste Felsqualität, dass da nix brechen kann. Und heute ist dieser Topfels leider gesperrt zum Klettern.

Stichwort Trango Tower Expedition im Karakorum 1988 – Norweger-Route 8+ mit Güllich, Münchenbach
& Co – Du bist im Gipfeleisfeld abgerutscht und die halbe Seillänge die Wand runtergekachelt – erzähl mal - wie war das?

Einen Artikel von der Trango-Expedition gabs im Rotpunkt 1/89
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
Ja, 25 m. Das war eine Kaminkletterei mit Blankeis im 4. Grad mit einer Kante ganz oben und einem Block drüber, zum Stand machen. Aus dem Kamin raus hatte ich ausgespreizt und dann musste man so einen kleinen Schnapper über die Kante machen, dann war das nicht waagrecht,
Wolfgang und Hartmut Münchenbach als Exped-Leader – gesponsert von Edelrid
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
sondern ein Sloper. Ich rutschte zurück in den Kamin und hatte mit meinen Kletterschuhen hinten im Blankeis gestanden. Ich fiel 25 m in einen Friend, der zum Glück hielt, rief noch 3-4 mal : Ich falle, ich falle, weil der unten mich nicht sah, aber da ist die Luft eh so dünn, da wurde es mir schwarz vor den Augen. Eigentlich is da gar nix passiert, ein paar Hautabschürfungen. Dann sagte ich meinen Jungs: ein Toprope hängt im Friend, wer oben weiter klettern will, muss die Steigeisen einpacken. Das musste doch nicht sein, war sehr leichtsinnig...

Sag mal, da fällt mir grad ein, dass du doch damals mit diesen hässlich roten Schnürschlappen geklettert bist?

Ja, stimmt, du hast Recht. Wir hatten für uns vier in der Seilschaft ein Paar Kletterschuhe in der Größe 9,5, sodass, egal wer dran war mit dem Vorstieg, die Schuhe gepasst haben. Es war ein Hanwagschuh zum Schnüren. Ich hatte damals mit Hanwag den Vertrag und mit Edelrid für's restliche Material. So konnten wir mit zwei paar Strümpfen klettern ohne Gefahr zu laufen, die Zehen zu erfrieren. Die Nichtvorsteiger sind dann immer mit dem großen Gepäck und Plastikschuhen hinterhergejümart (mit Isomatten, Schlafsäcken, Ersatzseilen, Gaskocher mit vielen Kartuschen usw.) Wir hatten tagsüber in der Sonne Null Grad und Nachts minus 15.

1986 Vollstreckung , 4 Boulder-Tage in der Tour, wo du in Franken 10er an einem Tag geklettert hast, 1989 Ursprung 10- am Rödel, Kompletition 1989. Wie kommt's, warum war Vollstreckung damals nur 9-?

Wolfgang Kraus bei der 1988 Erstbegehung von Ursprung 10- am Rödelstein/Pfalz
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
Wolfgang Kraus bei der 1988 Erstbegehung von Ursprung 10- am Rödelstein/Pfalz an der Schlüsselstelle
Foto: Archiv KrausBilerserie vergrößern
Ja und in dem Jahr hab ich auch die Denkmalpflege an den Dürensteinen geklettert. Ursprung bewertete ich nur mit 9+, denn meine Muskel waren sehr dünn wegen der Trango-Aktion und sagte mir: wenn ich da noch hochkomm, kanns so schwer nicht sein. Vollstreckung, jo, das war damals schon hart bewertet.

Empfehlung für einen Pfalz-Neuling – die Beste 6, 7, 8 ?

6er: DAV-Weg am Bruchweiler.
7er: wenn er es hinkriegt der Jubiläumsriss, wenn er gut Keile legen kann. Gute 7er gibts natürlich auch am Rödelstein, die sind ja noch halbwegs gut gesichert.
8er: Weiss nicht, Zauberflöte oder Superlative, Zauberflöte hatte mir von den Zügen immer besser gefallen.

Bouldern- Kirkel im Saarland – da gab's auf dem Pfad eine halbe Stunde weg vom Hauptgebiet einen Zweizügler von dir mit einem Fingerloch im zentralen Teil des Boulders – wir waren damals dort, ich glaub mit dem Michael Schlotter war ich da in den 80ern. Ich hatte den Boulder später nicht wieder gefunden. Wie heißt der und wie schwer – in keinem Pfalz-Boulderführer oder Saarland-Boulder- Datenbank kennt den einer?

Ah ja, da klettert man aber vorher noch den Quergang in den Zweizügler rein. Der Boulder heisst „Schlenkermann“- weil man da bei dem Zug aus dem Hook so um die Ecke schlenkert . War damals schon was im 10. Grad. Liegt direkt am Wegrand, aber im derzeit gesperrten Naturschutzgebiet.

Nationalkader Trainer – bis wann – war's schön?

Bis ´94 war ich Kader-Trainer. Ich dachte, ich kann den Sport weiterbringen, aber ich hatte vom DAV zu wenig Rückendeckung, es gab kaum finanzielle Mittel. Vor Ort die Mannschaft auf einem Weltcup zu betreuen war ein kostspieliges Unterfangen, auch viele bekannte deutsche Kletterer haben das Wettkampfklettern sein lassen, weil nix dabei rum kam. Ich hatte 430 DM im Monat, das reicht ja nicht zum Leben. Da musste man noch einen Job machen, von dem man leben konnte.
Das heißt, es waren zu wenig Mittel da, um die damals wirklich gute Mannschaft professionell zu betreuen. Ich hatte ja aber zu der Zeit in Saarbrücken noch den Kletterladen. Ich hatte versucht in dieser Zeit möglichst viele Wettkämpfe als Routenbauer zu schrauben oder als Schiedsrichter zu arbeiten bei den Cups.

Ich erinnere mich an eine Aufwärmaktion mit dir zusammen in Franken- Dehnen - aber da wurde nur
der Kiefer gedehnt ? Gelenkig warst nie – war das unwichtig beim Anreissen – haben deine Schützlinge
im Kader auch nie was vom Kraus über warming up erfahren?

Von der Beweglichkeit wurde mir nicht viel in die Wiege gelegt.  Das mit dem Beweglichkeitstraining hatte ich oft probiert, war aber immer schnell an meinen Grenzen. Meine Unbeweglichkeit musste ich dann durch einen vermehrten Kraftaufwand wettmachen.

In Morschreuth, ich glaub das war ´89, da hatten Experten des Aufwärmens minimum 1,5 Stunden
durchgedehnt, wir beide waren dabei auf der Wiese hinter der Kneipe – danach gings zur Klagemauer.
Da hatten dann die Extremdehner relativ wenig Auftrag und du hast die „Kombination“ 10- , also die
Kombi von „Technics“ und „Elektrischer Sturm in der Hölle“ zum Aufwärmen durchgeknüppelt – war
das dein Stil?

Ja, da war die Vorspannung vom Vortag noch da. Ich habe immer relativ wenig Anlaufzeit gebraucht. Durch diese Vorspannung mit einem guten Gefühl fit zu sein für die Route musste ich mich kaum aufwärmen, anders war es, wenn ich 4 Tage Pause hatte, da dauerte das Einklettern immer mühselig lange. Für einen Außenstehenden sieht das bisschen komisch aus, als würde man gar kein Aufwärmen brauchen, aber mir ging es dabei gut und ich hatte keine körperlichen Probleme.

Wenn man bedenkt, dass es zu der Zeit noch kein Plastik gab, ´93 zum Beispiel die erste Halle in der Pfalz, ich hab ja auch in den 80ern nur am Fels geklettert, wie hast du dir diese grandiose Blockierkraft antrainiert ?

In Kirkel beim Bouldern und zuhause am Balken Klimmzüge – das war alles. Ich hatte ganz früh schon Bilder von John Gill gesehen, diese Körperkraft wollte ich mir auch antrainieren – so eine einarmige Hangwaage, einfach nur damit man zurecht kommt am Fels.

Dann bist du nach Südfrankreich – gab's Gründe für die Südflucht – bessere Touren?

Hier hatte ich im Winter immer Bronchitis, ich war oft den ganzen Winter über krank. Dann gings nach Südfrankreich ´95, da war's sofort weg. Ich hatte Ceüse direkt vor der Haustür.

Und wieder zurück – dann warste Golfen – wie kam das?

Als ich zurück war, sagte mein Physiotherapeut und Arzt, dass die Knochen ein bisschen abgebaut hätten und er riet mir, mit dem Klettersport als Leistungssport aufzuhören. Mit dem ersten, zweiten und dritten Halswirbel hatte ich massive Probleme. Meine Kletterpause war aber eher kurz, 2000 etwa habe ich sporadisch wieder angefangen mit dem Klettern, eben auf einem anderen Niveau und nur in Südfrankreich, in die Pfalz geh ich erst wieder seit letztem Jahr.

Dann hast angefangen Kletterwände zu bauen, auch für einen North Face Cup 2003, wo ich u.a. die Boulder gebaut habe.

1991 hatte ich die gebrauchte Entre Prises Wand des Nürnberger Weltcups gekauft und für Events vermietet, z.B. fürs Kinderklettern, Kerwe, Jugendfeste, für diese Bouldercups, später dann das Camp 4 in Zweibrücken.

Wie siehst du die Entwicklung des Sportkletterns in den letzten 30 Jahren? Spürst du noch den Spirit der bewegten 80er und verfolgst du die aktuellen Ereignisse seit Wolfgang mit Action Direct einen weiteren Meilenstein erstbeging?

Wir sind recht schnell an die Grenzen gekommen, was der Körper hergibt. Die Klettergebiete sind heute weitgehend erschlossen, wenig gute Linien frei. Der Kletterer der mit 8 Jahren anfängt, unter Anleitung trainieren kann und Talent hat, kann in diese Grade 11+ oder heute 12- vordringen, ist aber nur eine Fortführung des Meilensteines mit Action Direct, das heißt ich sehe eher keinen Aufbruch in eine neue Dimension. Der Spirit, der die Kletterer einst verbunden hat, ist eher nicht mehr da.

Status heute?

Wolfgang mit seiner Frau 2012
Foto: Alex WenneBilerserie vergrößern
Ich bin stets bemüht, nicht ganz soviel zu arbeiten übers Jahr (lacht). Ich baue hauptsächlich Kinderkletterwände: Boulderwände an Schulen und in Kindergärten. Im Saarland arbeite ich daran, dass das Klettern mehr als Breitensport etabliert wird, ich habe mehr als 200 Leute in Kletterkursen pro Jahr, davon sind zwei Drittel Kids, denen ich unseren Sport vorstelle und näherbringe. Zudem unterstütze ich die Pädagogen-Ausbildung, also Lehrer, die mit ihren Schulklassen klettern gehen, brauchen ja einen Schein, den sie beim Innenministerium erwerben können. Ich geh wenn ich Lust habe klettern, fahre aber auch Fahrrad. In den letzten 5 Jahren bin ich 200 Alpenpässe gefahren.

Gibts was, was du der Kletter-Community schon immer mal sagen wolltest, aber zu faul warst, das an
irgendein Magazin zu schicken?

Wenn man 10  Kletterer fragt, dann hast du 11 Meinungen. Dass Kurt den roten Punkt damals eingeführt hat, fand ich herausragend, da man das Klettern Aller unter einen Hut brachte.
Ich appeliere immer an die Kletterer am Fels – lasst die andern drumherum auch leben. Das wichtigste ist immer noch der Spass. Wenn einer nebenan eine 4 klettert und seinen Spass hat ist doch auch gut. Nur wenn mal wieder einer vorbeikommt und mir das Klettern erklären will , find ich das ein bisschen doof. Aber das kennste ja auch. Jo, ok, dann alles Gute.

Danke Wolfgang für das Interview.