Vorwort zum Film
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Text: Alex Wenner, Foto: Elke Hamm Urinatoren in der Senkrechte
Erschienen im PK-Jahrbuch 2005.

AlexW beim Abseilen am TonSai Tower in Railey/Thailand, dem Ort, an dem die Engländerin & Axel sich trafen
Goethe fragte: „Dove?“ Und ein Knecht antwortete: „Da per tutto, dove vuol“, also überall wo er wolle.
Dass muss sich kürzlich auch eine Engländerin gedacht haben, als sie beinahe Axel K. auf den Kopf urinieren wollte. Dazu A.K:“ Es war ein Alptraum, fürchterlich.“ Das Trauma ereignete sich in einer exotischen Mehrsseillängenroute in Südostasien.


Es kam der Tag, an dem ich mir vornahm, die Grenzen täglich zu überschreiten, und so sollte auch die Frage nach dem Urindrang kein unüberwindliches Hinderniss in einer ethisch sauber geprägten Welt sein, in der gesellschaftlich Tabu´s zwar grundsätzlich gebrochen, aber gerne verschwiegen werden.


Zitiert man Goethe und verfolgt die Geschichte und Geschäfte zurück bis ins Mittelalter wird deutlich, welch ungeheures wirtschaftliches Interesse dem Urinieren beigemessen wurde. Es wurde nicht zwischen ländlichem Mist und Fäkalmist unterschieden und den Bauern diente der Stadtkack auch als Dünger für die Felder.
Kacken leitet sich übrigens von dem lateinischen „cacare“, also „sich mit etwas besudeln“ und aus der Vulgärsprache „sch..ssen“ vom indogermanischen „skhid“ ab, dass mit Ausscheidung assoziiert wird. Sich besudeln klingt grausam und passiert auch nur dann, wenn Männer oder Frauen ihre koordinativ eingeübte und allgemein übliche Technik des Sitzens während des Ausscheidevorganges durch Alternativtechniken wie Stehen oder Hocken ersetzen.

Erst die Einführung von Anstandsregeln liessen den Mensch über Jahrhunderte unanständige Dinge von anständigen unterscheiden. Schamgefühl einerseits, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit beim kollektiven Urinieren in geologisch abseits gelegenen Orten, ist also eine Erfindung, die in die Zeit der Romantik fällt.
Was tun, wenn man Kletterer oder noch unkomfortabler, Kletterin ist ?
Das Schamgefühl hat gesiegt, der interessierte Beobachter findet Überreste diverser Fäkalien meist hinter den Blöcken. Das kann ein grün-bemooster, fürs Klettern & Bouldern völlig uninteressanter Steinhaufen sein, andere verrichten ihre Dinge trotzdem hinter einem Block, der in aller Literatur und Medien beschrieben wurde und als Kultur-Erbe einer Generation betrachtet werden kann. In aller Öffentlichkeit im Beisein anderer, aber aufs Klettern bezogen gleicher Spezies, schafft es erfahrungsgemäss lediglich der Mann, aber mit entsprechendem Anstand, also der Gruppe abgewandt, zu urinieren. Komplexer wird die Ausscheidung dann, wenn sich eine Seilschaft in Ein-bzw Mehrseillängenrouten, abseits der vertrauten und sicherheitgebenden Umgebung aufhält. Enge Goretexbekleidung und straff sitzendes Gurtmaterial machen das Urinieren zu einem zeitraubenden und psychisch sehr anspruchsvollen Unternehmen, denn vom lebensrettenden Gurt will sich keiner trennen, schon gar nicht hunderte Meter über dem saugenden Abgrund. Das Problem liegt im speziellen bei den Frauen begraben. Ein Mann, sofern´s beim Pinkeln bleibt, findet relativ schnell Entspannung, auch ohne den Gurt abzutrennen. Was macht dagegen eine Frau im Ernstfall ?
Raffinierte Entwickler der Bergsportbranche erfanden die mit Reissverschluss im Schritt ausgestattete Hose. Diese erfordert aber, dass die Frau ebenfalls einen mit so tollen features ausgestattenen Slip trägt, andernfalls macht das keinen Sinn. Alternativ trägt sie keinen Slip unter der Hose, was aber, sofern ihre Mehrseillängenbegleitung männlich ist, psychisch eine nicht zu unterschätzende Mehrbelastung des Mannes darstellt.
Inspiriert durch ein relativ begrenztes Angebot an Möglichkeiten zur Ausscheidung beim Klettern abseits der Mittelgebirgssportklettergebieten, vereinfachen wir in erster Näherung den Prozess. Nehmen wir die Multillängenroute, die in regelmässigen Abständen ausreichend breite Bänder bietet und gelingt es einem, den Gurt abzulegen um danach gemütlich, also ähnlich zu einem komfortablem Biwak, seine Dinge zu verrichten, müssen andere kritische Punkte zur Diskussion herangezogen werden.

Das Magazin „Bätmän“ von und mit Oli Scheib aus den frühen Neunziger Jahren, beschreibt die Problematiken vortrefflich. Analfissuren, störende Behaarung, Beschneidung oder Markierungen im Rahmen einer FKK (Freikörperklettern) Studie wurden im Einzelnen behandelt und sollen nur daraufhinweisen, was Bänder der grossen Wände an Gefahren bergen.
Was dagegen Höhenbergsteiger(innen) tun, wissen die Eingeweihten und soll auch nicht näher betrachtet werden.

Was bringt die Zukunft? Mädels, ihr müsst euch nicht länger im Wald hinter den Blöcken verstecken oder aus Mehrseillängenrouten rauspinkeln. Mut zur Emanzipation auch in diesem Bereich, brecht alle Tabu´s und folgt meiner 3K-Regel schon früh morgens, bevor ihr euch in düstere Nordwände begebt.
Die drei K´s stehen für: KAFFEE-KIPPE-K.CKEN und glaubt mir, spätestens nach 2 Seillängen seid ihr chronisch dehydriert und mühsame Überlegungen über das „Wie“ und „Wo“ entfallen in zweiter Näherung. Oder habt ihr, so wie Axel, schon Damen über euch urinieren gesehen ?