Die Jungs und Mädels des palatinum Fan-Vereins hatten uns
mal gebeten, so einen Bericht über's TNT zu verfassen, wie
wir ihn mal über Westphals „Mekka
Direkt“ gebracht hatten. Ok, jetzt ist Winter, wir haben
wenig zu tun, die Tage werden kürzer und wir befinden uns
die meiste Zeit im Kreis der Lieben, denen wir sowieso nur auf
den Sack gehen. Kurz gesagt, es wird Zeit, sich um die Historie
einer der wichtigsten Erstbegehungen im Pfälzer Sandstein
zu kümmern, und diesen geistigen Erguss dem breiteren Publikum
zugänglich zu machen. Wenn wir also Lust haben, präsentieren
wir euch auch in Zukunft die ein oder andere historisch wertvolle
Pfalz-Anekdode irgendeiner Pfälzer Tour.
TNT aus dem Jahre 1998 ist die ultimative Max-Kraft
Vernichtung und Verdichtung der Fasern, wenn wir mal von explosionsartigen
Einzelzügen am Retschel sprechen. Florian Eigler, (Hobby-Job:
Maurer) aus Mannheim, hatte das Auge für dieses Brachialo-Dach
am Retschel, schon zu einer Zeit, als Burkhard Hornauer die
Ringe im „Big Easy“ zementierte. Das Dächlein
sieht optisch nicht sonderlich eindrucksvoll aus, könnte
genausogut im oberen 8.Grad liegen, meinen die Experten. Auch
die Einzelzüge fühlen sich nicht sonderlich hart an,
sie klappen bei vielen auf Anhieb, trotzdem und gerade aufgrund
des Dauer-Pressens saugt TNT gewaltig, auch gerade weil man
bis zum Ausstieg über einige Meter die Spannung konstant
aufrecht halten muss. Florian machte sich das Dach zu seiner
Lebensaufgabe, investierte Monate um die Einzelzüge dieser
boulderlastigen Tour aufzutrainieren und war eigentlich 1998
kurz davor, alle Züge aneinanderzureihen, viel fehlte nicht,
bei einem Versuch damals, als ich ihn sicherte. Alle Griffe
bekamen aus gutem Grund Namen verpasst und die Züge hatte
er sich so stark einverleibt, das er völlig automatisiert
und eigentlich relativ locker in die Crux stieg, oft auch bis
zum Abschlussprung. Keiner hatte soviel Gefühl und Herz
für die runden Dachsloper wie Flori. Wenn man sich intensiv
mit Griffen beschäftigt,spürt man die Feuchtigkeit
schon in Prozent. 2-3°C TemperaturUnterschied liessen das
Dach realistischer werden, dazu ne gewisse Luftfeuchtigkeit
machte die Bedingungen besser. Es wurde aber zu einem scheinbar
unüberwindaren „Kopf-Problem“, den Durchstieg
konnte er leider nicht realisieren.Er gab die Tour irgendwann
frei, hatte er doch die Schnauze gestrichen voll, immer wieder
am selben Zug abzutropfen. Jetzt begann der Run auf die, wenn
sie denn mal einer klettern kann, schwierigste Tour der Pfalz.
Ich lieferte mir mit Steffen Frey einen kleinen Konditionslauf
um die erste Begehung und scheiterte eigentlich nur knapp am
letzten Zug. 5-6 mal fiel ich erst nach dem Campus-Zug ab, beim
Dazugreifen am Sloper, 1 Zug vor dem Umlenker. Auch für
mich entwickelte sich TNT zu einer üblen Kopfsache, mir
war klar, das ich immer wieder an diesem Dreckssloper abfallen
würde.
Selbst am Tag, als Steffen die Tour locker knipste,
fiel ich vorher erst am letzten Zug ab und Steffen war eine
Stunde später der Erstbegeher dieser lang umkämpften
Route am Retschelgrat. Steffen baute sich Monate vor seinem
Erfolg 1:1 das Dach in seiner Kletterhalle Extrem nach, gleiche
Länge, gleiche Züge, zufällig war das Holzdach
genauso lang wie TNT. Allerdings war Steffens Eigenbau in Ludwigshafen
gefühlt und tatsächlich nochmal 2 halbe Grade schwerer
als das Original, demnach wurde TNT am Retschel fast ein Spaziergang,
als er erst mal die Züge in seinem Home-Center kombinieren
konnte. 1998 war auch das Jahr, in dem ich zu arbeiten begann
nach meinem Chemiestudium, und ich hatte immer weniger Zeit
zum Klettern. Zudem verlagerte ich die freien Tage an die Blöcke
der Pfalz, ging danach nur noch zum Bouldern raus, zum Klettern
nur noch sporadisch. Von 1998 bis 2000 waren wir immer mal wieder
am Retschel um die spätere Kombi „Gambaxplosion“
8c zu probieren. Auf die Schnelle und mehr aus der Not heraus
entstanden dabei die einfacheren aber lohnenden Kombis „Hyperraumumgehungsstrasse“
7c+ und „Bespring mich“ 8a+. Auch Gambax, damals
noch ohne Namen, war knapp. Oft scheiterten die Versuche erst
am Abschlussprung. Resignation machte sich dann breit, Hass
und Ekel, da man genau wusste, es scheitert nicht an der Kraft,
sondern an der Koordination und vor allem wegen der geblockten
Birne. Irgendwann mal, als meine Boulderpower vom vielen Pfalz
Bouldern nicht schlecht war und ich eigentlich gar keinen Bock
auf Retschel hatte, blieb ich mal am Ausstiegsgriff hängen,
Freude empfand ich in dem Moment allerdings keine mehr, dafür
war der Ekel viel zu gross. Ich nenne das Phänomen „Das
Retschel-Trauma“. Oft war es so, dass man eine der 10er
Touren, auch das Fairplay am ersten Tag mit einem Hänger
klettern konnte, aber es fünf Tage später nicht besser
aussah und mit der Zeit, mit den folgenden Tagen, die Versuche
immer schlechter wurden, obwohl die Kraft immer besser wurde.
Wahrscheinlich liegt es an dem bedrückenden Ambiente und
den einzelstellenlastigen Touren. Mir verhalf es immer zum Durchstieg,
als ich mit den Touren schon abgeschlossen hatte, so z.B. am
Fairplay 8b. Das hätte unter Umständen auch schon
im zweiten Versuch klappen können. Etliche Tage hatte es
dann aber gedauert, bis ich endlich den Ausstiegsgriff fixieren
konnte, einmal rutschte der Fuss aus dem Toe-Hook, dann rutschte
der Sloper, dann am Loch vorbeigeschrappt, selbst Ingos –
alias Muschipuschi - Wetteinsätze für einen Durchstieg
10 Pizzas zu spendieren, half oft nicht. Einmal half es, so
dass der Durchstieg nach sechs mal Abfallen an dem Tag am letzten
Griff, im nächsten Versuch geklappt hatte. Grauenvoll,
das ist Klettern ohne Spass, aber zwanghaft trotzdem paar Versuche
machen wollen, immer mit der Hoffnung auf bessere Bedingungen
und vor allem mit besserer Koordination. Es musste einfach alles
zusammenpassen, Kraft alleine war's nicht, Motivation war viel
wichtiger. Sehr oft im Jahr schmieren die Sloper wie´d
Sau. Loic kletterte TNT zur Kompensation des Geschmiers am linken
Fuss ohne Schuh, da dies mehr Halt und Druck im Loch bei der
Untergriff-Crux bringt. Eigentlich eckelig für alle weitere
Aspiranten, wegen potentiellem Fusspilz und Gestank usw. Egal,
Kletterer sind eben Egos. Der Westphal, bekannt für Atomstrom,
verlor nach der Untergriffsequenz kurzzeitig die Spannung, mit
einer Hand bereits an der Leiste zum Sprung. Sein Körper
flog nach aussen, er fing aber den Schwung an der Krätzleiste
mit der einen Hand wie ein Gibbon ab und riss den Campuszug
zum Sloper trotzdem durch. Da blieb nicht nur dem Sicherungsmann
Lutz der Keks im Hals stecken. Heute müssen die Abschlussleisten
des TNTs, von denen man den Campuszug zum Aussteig reißen
muss, für einige Touren-Namen und Kombinationen herhalten:
Gambaxplosion 8c
Fairplay 8b
Mamba Extension 8b+/c
Helga Hundgeburt 8b
TNT wird nach wie vor immer wieder gerne als die Dach-Referenz
im Pfälzer Wald angetestet und dient mir heute als Schuh-Testroute,
denn kein anderer Toe-Hook in der Pfalz urteilt so dermaßen
elegant über die Qualität eines Schuhs im Zehenbereich
und kein anderer mir bekannter Toe-Hook ist ähnlich anspruchsvoll
wie an dem rechten Untergriffsloper an der Dachkante hängend,
bevor man zum Campus-Zug ansetzt.
Begehungen TNT 8b+ (10+):
Steffen Frey (1998)
Loic Fossard (erste Wiederholung ohne linken Schuh)
Lutz Limburg (zweite Wiederholung ohne Schuh)
Alex Wenner (mit Schuh)
Julius Westphal (hangelnd ?)
Pascal Schouwink
Weitere Begehungen unchronologisch, da wir nicht genau wissen,
wann sie gemacht wurden, zudem ist die Liste wahrscheinlich unvollständig,
wer´s noch gemacht hatte, einfach mailen an info@palatinum.info.
Andy Barth
Daniel Meyerer
Pierre Bollinger
Julian Panigot
Mathias Conrad
Michiel Nieuwenhuijsen
Stories:
„Irgendwann Anfang 2000 hat sich der Schöffl im Big
Easy zum Warm up für TNT die Schulter ausgekugelt und beim
Sprung im Freiflug zum Ausstieg wieder eingekugelt.- Autsch“
„Ich hab mir selbst im TNT mal im Untergriffzug den Delta
/LAT dermaßen gezerrt, dass sich daraufhin mit unterstützender
Wirkung des Campus-Board Trainings in der Halle die Supraspinatus-Sehne
übelst entzündet hat – Typischer überlastungsschaden
mit 3 Monate Pause“
„Der Adam Ondra hat´s on sight probiert, ist an den
Untergriffen abgeflogen und hat's nicht wieder probiert. Dafür
hat er dann das „Mamba“ 8a+ geflasht“
„Tre Wilson, heute Betreiber der Boulderhalle in Mainz kam
mir mal auf dem schmalen Zustiegspfad entgegengerannt und meinte
völliig geschockt: „Hey da oben unterm TNT stehen O.K.
und O.S. (beides Männer, oder sehen zumindest so aus) und
knutschen rum!“
Gab's oder gibt's schwule Climber in der Pfalz – keiner
weiss es genau.
Comment eines Kletterers, der es nach einem Versuch frustriert
abgebaut hat: „TNT ist der volle Scheiss“
„Thomas Leleu hat mal zumindest den Einzelzug aufgrund seiner
abartigen Armspannweite vom Loch direkt in die Lette gezogen,
ohne die Sloper-Untergriffe und ohne hoch anzutreten. Auflösen
konnte er es aber nicht wirklich.“
„Der Untergiffzug des TNTs war für Roland Petrovecki,
auch so ein Atomstromer in den 1990ern,
wirklich Kindergeburtstag. Roland war in den 90ern wahrscheinlich
der einzige Pfälzer, der bereits rein von der Power 8c+ Level
hatte. Er presste die Sloper locker statisch in das Lettenloch
und konnte sich kurz vor der Lette quasi noch kämmen . Gepunktet
hat er es nie, aber wahrscheinlich nur, weil er nie wieder am
Retschel war. Auch er musste sich seinem neuen Arbeitgeber beugen
und hat sich aufgrund von Zeitmangel auch mehr dem Bouldern verschrieben.“
„Theoretisch hat das TNT schon mehr als 20 Begehungen von
Leuts, die sagen: Demnächst: Fällts ! :-)"
Sequenz: Wer´s on sight machen will, schaut hier
dezent weg und das folgende Video bleibt dann auch tabu.
Start mit Geblänkel im oberen 6. Grad 5m hochsteigen
zum Dach.
Beton-Kelle heute mit links (Stecker links oben und im Dach
treten ist out (so haben wir das früher gemacht, auch im
Video zu sehen)
Direkt und vor allem einfacher als die alte Variante Sprung
ins grosse Loch direkt von Beton-Kelle– Klippen (ab hier
zur Dachkante etwa Fb.7b+)
Linke Hand geht in linken Zangenuntergriff, rechter Fuss steht
auf Beton-Kelle, linker Fuss in kleiner Verschneidung –
Spannen bis zum Platzen.
Schnapper rechte Hand in Sloperuntergriffzange – ganz
übel
Jetzt wird's ungemütlich – linker Fuss ganz hoch
ins Loch, stopfen – rechter Fuss presst rechts unten glatt
an die Wand – Seitspann
Anziehen – Stopp – Augen-Hand Koordination –
Schnapper ins Lettenloch mit Links – Crux
Rechter Fuss auf Zäpfchen, linker Fuss Toe-Hook am linken
Untergriff (kompletter Dachkantenboulder etwa Fb.7a+)
Fuss links lösen – rechts erst auf erste Leiste
ziehen, weiterschnappen nach rechts – jetzt direkt links
Fuss auf Zäpfchen- rechter Fuss geht auf Toe-Hook rechts
(anspruchsvoll)
Linke Hand zieht dazu – Campus zum Sloper (etwa 1 auf
5)
Nachschnappen – rechte Hand geht dazu (Abwerfer) und
einfache Hangel zur Kelle - fertisch
TNT 8b+, Retschel
Alex Wenner klettert die von Florian Eigler eingebohrte und von
Steffen Frey erstbegangene Toptour.
Kamera:Alex Wenner (vom Stativ)
Schnitt: Kai Richelsen, Alex Wenner
9 ½ Wochen
Eine erotische Auseinandersetzung mit der Materie Retschel-Fels
Axel Kunzmann, Catering Specialist & kandidierender Baden-Württembergischer
Grillmeister, investierte 9 ½ Wochen für seine damals erste
7c Route. Wir waren mit der Kamera dabei und haben seinen Leidens-
und Erlebnissweg auf Tape gebannt.
Kamera:Alex Wenner, Axel Kunzmann
Schnitt: Kai Richelsen, Alex Wenner
Alex Wenner bei der zweiten Begehung von Fairplay
1996 – Die Route wurde 1996 von Jean-Minh Trinh-Thieu
erstbegangen und hatte einige Diskussionen ausgelöst wegen
Projekt-Status TNT und künstlichen Griffen in Touren am
Retschel. Das Bild zeigt den Abschlussprung, der auch bei TNT
geklettert wird.
Pascal Schouwink fighted am letzten Zug von
"Fairplay" 10 – Ausstiegscampuszug der TNT,
Exxe in TNT unter dem gelben Seil
Lutz Limburg klettert "Gambaxplosion"
8c (kombiniert „Bespring mich“ 8a+ mit „TNT“
8b+)
Im Lettenloch von TNT – Barfuß im großen Loch
– jetzt Zug rechts zur Campusleiste
Loic Fossard bei der ersten Wiederholung von TNT, ohne linken
Schuh, barfuß im Loch – angenehm für die Schlüsselstelle,
dafür wird der Ausstiegszug mit dem grossen Zeh auf dem
Zäpfchen unangehmer. Foto: Yann
Corby
Michiel Nieuwenhuijsen im TNT nach der Schlüsselstelle
– links im Bild Exxen im Big Easy – rechts Exxen
im Gamba Foto: Christoph Gabrysch
Nochmal Michiel Nieuwenhuijsen am spektakulären Abschluss
von TNT – Campus-Zug zum Sloper mit der linken Hand –
ins Lettenloch mit rechts ist der Abwerfer
im TNT. Foto: C. Gabrysch