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TNT Special – 8b+ (10+) Die Pfälzer Toptour in den 1990ern
Autor: Alex Wenner
Supported by: Red Chili
    Die Jungs und Mädels des palatinum Fan-Vereins hatten uns mal gebeten, so einen Bericht über's TNT zu verfassen, wie wir ihn mal über Westphals „Mekka Direkt“ gebracht hatten. Ok, jetzt ist Winter, wir haben wenig zu tun, die Tage werden kürzer und wir befinden uns die meiste Zeit im Kreis der Lieben, denen wir sowieso nur auf den Sack gehen. Kurz gesagt, es wird Zeit, sich um die Historie einer der wichtigsten Erstbegehungen im Pfälzer Sandstein zu kümmern, und diesen geistigen Erguss dem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wenn wir also Lust haben, präsentieren wir euch auch in Zukunft die ein oder andere historisch wertvolle Pfalz-Anekdode irgendeiner Pfälzer Tour.

    TNT aus dem Jahre 1998 ist die ultimative Max-Kraft Vernichtung und Verdichtung der Fasern, wenn wir mal von explosionsartigen Einzelzügen am Retschel sprechen. Florian Eigler, (Hobby-Job: Maurer) aus Mannheim, hatte das Auge für dieses Brachialo-Dach am Retschel, schon zu einer Zeit, als Burkhard Hornauer die Ringe im „Big Easy“ zementierte. Das Dächlein sieht optisch nicht sonderlich eindrucksvoll aus, könnte genausogut im oberen 8.Grad liegen, meinen die Experten. Auch die Einzelzüge fühlen sich nicht sonderlich hart an, sie klappen bei vielen auf Anhieb, trotzdem und gerade aufgrund des Dauer-Pressens saugt TNT gewaltig, auch gerade weil man bis zum Ausstieg über einige Meter die Spannung konstant aufrecht halten muss. Florian machte sich das Dach zu seiner Lebensaufgabe, investierte Monate um die Einzelzüge dieser boulderlastigen Tour aufzutrainieren und war eigentlich 1998 kurz davor, alle Züge aneinanderzureihen, viel fehlte nicht, bei einem Versuch damals, als ich ihn sicherte. Alle Griffe bekamen aus gutem Grund Namen verpasst und die Züge hatte er sich so stark einverleibt, das er völlig automatisiert und eigentlich relativ locker in die Crux stieg, oft auch bis zum Abschlussprung. Keiner hatte soviel Gefühl und Herz für die runden Dachsloper wie Flori. Wenn man sich intensiv mit Griffen beschäftigt,spürt man die Feuchtigkeit schon in Prozent. 2-3°C TemperaturUnterschied liessen das Dach realistischer werden, dazu ne gewisse Luftfeuchtigkeit machte die Bedingungen besser. Es wurde aber zu einem scheinbar unüberwindaren „Kopf-Problem“, den Durchstieg konnte er leider nicht realisieren.Er gab die Tour irgendwann frei, hatte er doch die Schnauze gestrichen voll, immer wieder am selben Zug abzutropfen. Jetzt begann der Run auf die, wenn sie denn mal einer klettern kann, schwierigste Tour der Pfalz. Ich lieferte mir mit Steffen Frey einen kleinen Konditionslauf um die erste Begehung und scheiterte eigentlich nur knapp am letzten Zug. 5-6 mal fiel ich erst nach dem Campus-Zug ab, beim Dazugreifen am Sloper, 1 Zug vor dem Umlenker. Auch für mich entwickelte sich TNT zu einer üblen Kopfsache, mir war klar, das ich immer wieder an diesem Dreckssloper abfallen würde.

    Selbst am Tag, als Steffen die Tour locker knipste, fiel ich vorher erst am letzten Zug ab und Steffen war eine Stunde später der Erstbegeher dieser lang umkämpften Route am Retschelgrat. Steffen baute sich Monate vor seinem Erfolg 1:1 das Dach in seiner Kletterhalle Extrem nach, gleiche Länge, gleiche Züge, zufällig war das Holzdach genauso lang wie TNT. Allerdings war Steffens Eigenbau in Ludwigshafen gefühlt und tatsächlich nochmal 2 halbe Grade schwerer als das Original, demnach wurde TNT am Retschel fast ein Spaziergang, als er erst mal die Züge in seinem Home-Center kombinieren konnte. 1998 war auch das Jahr, in dem ich zu arbeiten begann nach meinem Chemiestudium, und ich hatte immer weniger Zeit zum Klettern. Zudem verlagerte ich die freien Tage an die Blöcke der Pfalz, ging danach nur noch zum Bouldern raus, zum Klettern nur noch sporadisch. Von 1998 bis 2000 waren wir immer mal wieder am Retschel um die spätere Kombi „Gambaxplosion“ 8c zu probieren. Auf die Schnelle und mehr aus der Not heraus entstanden dabei die einfacheren aber lohnenden Kombis „Hyperraumumgehungsstrasse“ 7c+ und „Bespring mich“ 8a+. Auch Gambax, damals noch ohne Namen, war knapp. Oft scheiterten die Versuche erst am Abschlussprung. Resignation machte sich dann breit, Hass und Ekel, da man genau wusste, es scheitert nicht an der Kraft, sondern an der Koordination und vor allem wegen der geblockten Birne. Irgendwann mal, als meine Boulderpower vom vielen Pfalz Bouldern nicht schlecht war und ich eigentlich gar keinen Bock auf Retschel hatte, blieb ich mal am Ausstiegsgriff hängen, Freude empfand ich in dem Moment allerdings keine mehr, dafür war der Ekel viel zu gross. Ich nenne das Phänomen „Das Retschel-Trauma“. Oft war es so, dass man eine der 10er Touren, auch das Fairplay am ersten Tag mit einem Hänger klettern konnte, aber es fünf Tage später nicht besser aussah und mit der Zeit, mit den folgenden Tagen, die Versuche immer schlechter wurden, obwohl die Kraft immer besser wurde. Wahrscheinlich liegt es an dem bedrückenden Ambiente und den einzelstellenlastigen Touren. Mir verhalf es immer zum Durchstieg, als ich mit den Touren schon abgeschlossen hatte, so z.B. am Fairplay 8b. Das hätte unter Umständen auch schon im zweiten Versuch klappen können. Etliche Tage hatte es dann aber gedauert, bis ich endlich den Ausstiegsgriff fixieren konnte, einmal rutschte der Fuss aus dem Toe-Hook, dann rutschte der Sloper, dann am Loch vorbeigeschrappt, selbst Ingos – alias Muschipuschi - Wetteinsätze für einen Durchstieg 10 Pizzas zu spendieren, half oft nicht. Einmal half es, so dass der Durchstieg nach sechs mal Abfallen an dem Tag am letzten Griff, im nächsten Versuch geklappt hatte. Grauenvoll, das ist Klettern ohne Spass, aber zwanghaft trotzdem paar Versuche machen wollen, immer mit der Hoffnung auf bessere Bedingungen und vor allem mit besserer Koordination. Es musste einfach alles zusammenpassen, Kraft alleine war's nicht, Motivation war viel wichtiger. Sehr oft im Jahr schmieren die Sloper wie´d Sau. Loic kletterte TNT zur Kompensation des Geschmiers am linken Fuss ohne Schuh, da dies mehr Halt und Druck im Loch bei der Untergriff-Crux bringt. Eigentlich eckelig für alle weitere Aspiranten, wegen potentiellem Fusspilz und Gestank usw. Egal, Kletterer sind eben Egos. Der Westphal, bekannt für Atomstrom, verlor nach der Untergriffsequenz kurzzeitig die Spannung, mit einer Hand bereits an der Leiste zum Sprung. Sein Körper flog nach aussen, er fing aber den Schwung an der Krätzleiste mit der einen Hand wie ein Gibbon ab und riss den Campuszug zum Sloper trotzdem durch. Da blieb nicht nur dem Sicherungsmann Lutz der Keks im Hals stecken. Heute müssen die Abschlussleisten des TNTs, von denen man den Campuszug zum Aussteig reißen muss, für einige Touren-Namen und Kombinationen herhalten:

  • Gambaxplosion 8c
  • Fairplay 8b
  • Mamba Extension 8b+/c
  • Helga Hundgeburt 8b
    TNT wird nach wie vor immer wieder gerne als die Dach-Referenz im Pfälzer Wald angetestet und dient mir heute als Schuh-Testroute, denn kein anderer Toe-Hook in der Pfalz urteilt so dermaßen elegant über die Qualität eines Schuhs im Zehenbereich und kein anderer mir bekannter Toe-Hook ist ähnlich anspruchsvoll wie an dem rechten Untergriffsloper an der Dachkante hängend, bevor man zum Campus-Zug ansetzt.

Begehungen TNT 8b+ (10+):

    1. Steffen Frey (1998)
    2. Loic Fossard (erste Wiederholung ohne linken Schuh)
    3. Lutz Limburg (zweite Wiederholung ohne Schuh)
    4. Alex Wenner (mit Schuh)
    5. Julius Westphal (hangelnd ?)
    6. Pascal Schouwink
    Weitere Begehungen unchronologisch, da wir nicht genau wissen, wann sie gemacht wurden, zudem ist die Liste wahrscheinlich unvollständig, wer´s noch gemacht hatte, einfach mailen an info@palatinum.info.
    • Andy Barth
    • Daniel Meyerer
    • Pierre Bollinger
    • Julian Panigot
    • Mathias Conrad
    • Michiel Nieuwenhuijsen

Stories:

    „Irgendwann Anfang 2000 hat sich der Schöffl im Big Easy zum Warm up für TNT die Schulter ausgekugelt und beim Sprung im Freiflug zum Ausstieg wieder eingekugelt.- Autsch“
    „Ich hab mir selbst im TNT mal im Untergriffzug den Delta /LAT dermaßen gezerrt, dass sich daraufhin mit unterstützender Wirkung des Campus-Board Trainings in der Halle die Supraspinatus-Sehne übelst entzündet hat – Typischer überlastungsschaden mit 3 Monate Pause“
    „Der Adam Ondra hat´s on sight probiert, ist an den Untergriffen abgeflogen und hat's nicht wieder probiert. Dafür hat er dann das „Mamba“ 8a+ geflasht“
    „Tre Wilson, heute Betreiber der Boulderhalle in Mainz kam mir mal auf dem schmalen Zustiegspfad entgegengerannt und meinte völliig geschockt: „Hey da oben unterm TNT stehen O.K. und O.S. (beides Männer, oder sehen zumindest so aus) und knutschen rum!“
    Gab's oder gibt's schwule Climber in der Pfalz – keiner weiss es genau.
    Comment eines Kletterers, der es nach einem Versuch frustriert abgebaut hat:
    „TNT ist der volle Scheiss“
    „Thomas Leleu hat mal zumindest den Einzelzug aufgrund seiner abartigen Armspannweite vom Loch direkt in die Lette gezogen, ohne die Sloper-Untergriffe und ohne hoch anzutreten. Auflösen konnte er es aber nicht wirklich.“
    „Der Untergiffzug des TNTs war für Roland Petrovecki, auch so ein Atomstromer in den 1990ern,
    wirklich Kindergeburtstag. Roland war in den 90ern wahrscheinlich der einzige Pfälzer, der bereits rein von der Power 8c+ Level hatte. Er presste die Sloper locker statisch in das Lettenloch und konnte sich kurz vor der Lette quasi noch kämmen . Gepunktet hat er es nie, aber wahrscheinlich nur, weil er nie wieder am Retschel war. Auch er musste sich seinem neuen Arbeitgeber beugen und hat sich aufgrund von Zeitmangel auch mehr dem Bouldern verschrieben.“
    „Theoretisch hat das TNT schon mehr als 20 Begehungen von Leuts, die sagen: Demnächst: Fällts ! :-)"

Sequenz:
Wer´s on sight machen will, schaut hier dezent weg und das folgende Video bleibt dann auch tabu.

  • Start mit Geblänkel im oberen 6. Grad 5m hochsteigen zum Dach.
  • Beton-Kelle heute mit links (Stecker links oben und im Dach treten ist out (so haben wir das früher gemacht, auch im Video zu sehen)
  • Direkt und vor allem einfacher als die alte Variante Sprung ins grosse Loch direkt von Beton-Kelle– Klippen (ab hier zur Dachkante etwa Fb.7b+)
  • Linke Hand geht in linken Zangenuntergriff, rechter Fuss steht auf Beton-Kelle, linker Fuss in kleiner Verschneidung – Spannen bis zum Platzen.
  • Schnapper rechte Hand in Sloperuntergriffzange – ganz übel
  • Jetzt wird's ungemütlich – linker Fuss ganz hoch ins Loch, stopfen – rechter Fuss presst rechts unten glatt an die Wand – Seitspann
  • Anziehen – Stopp – Augen-Hand Koordination – Schnapper ins Lettenloch mit Links – Crux
  • Rechter Fuss auf Zäpfchen, linker Fuss Toe-Hook am linken Untergriff (kompletter Dachkantenboulder etwa Fb.7a+)
  • Fuss links lösen – rechts erst auf erste Leiste ziehen, weiterschnappen nach rechts – jetzt direkt links Fuss auf Zäpfchen- rechter Fuss geht auf Toe-Hook rechts (anspruchsvoll)
  • Linke Hand zieht dazu – Campus zum Sloper (etwa 1 auf 5)
  • Nachschnappen – rechte Hand geht dazu (Abwerfer) und einfache Hangel zur Kelle - fertisch
Alex Wenner in TNT

TNT 8b+, Retschel
Alex Wenner klettert die von Florian Eigler eingebohrte und von Steffen Frey erstbegangene Toptour.

Kamera:Alex Wenner (vom Stativ)
Schnitt: Kai Richelsen, Alex Wenner

Format: wmv Größe: 3,4 MB
Gambaxplosion

Der New Generation Chefpuller fightet die Pfälzer Toptour am Retschelfels.

Lutz Limburg in Gambaxplosion

Format: wmv Größe: 4.9 MB
Format: mpg Größe: 5.4 MB
9 1/2 Wochen

9 ½ Wochen
Eine erotische Auseinandersetzung mit der Materie Retschel-Fels
Axel Kunzmann, Catering Specialist & kandidierender Baden-Württembergischer Grillmeister, investierte 9 ½ Wochen für seine damals erste 7c Route. Wir waren mit der Kamera dabei und haben seinen Leidens- und Erlebnissweg auf Tape gebannt.

Kamera:Alex Wenner, Axel Kunzmann
Schnitt: Kai Richelsen, Alex Wenner

Format: wmv Größe: 16 MB
Format: wmv Größe: 7,4 MB


    Alex Wenner in

    Alex Wenner bei der zweiten Begehung von Fairplay 1996 – Die Route wurde 1996 von Jean-Minh Trinh-Thieu erstbegangen und hatte einige Diskussionen ausgelöst wegen Projekt-Status TNT und künstlichen Griffen in Touren am Retschel. Das Bild zeigt den Abschlussprung, der auch bei TNT geklettert wird.



    Pascal Schouwink fighted am letzen Zug von Fairplay

    Pascal Schouwink fighted am letzten Zug von
    "Fairplay" 10 – Ausstiegscampuszug der TNT, Exxe in TNT unter dem gelben Seil



    Lutz Limburg kletter

    Lutz Limburg klettert "Gambaxplosion" 8c (kombiniert „Bespring mich“ 8a+ mit „TNT“ 8b+)
    Im Lettenloch von TNT – Barfuß im großen Loch – jetzt Zug rechts zur Campusleiste

    Loic Fossard bei der ersten Wiederholung von TNT

    Loic Fossard bei der ersten Wiederholung von TNT, ohne linken Schuh, barfuß im Loch – angenehm für die Schlüsselstelle, dafür wird der Ausstiegszug mit dem grossen Zeh auf dem Zäpfchen unangehmer.
    Foto: Yann Corby



    Kletterer nach der TNT Schlüsselstelle

    Michiel Nieuwenhuijsen im TNT nach der Schlüsselstelle – links im Bild Exxen im Big Easy – rechts Exxen im Gamba
    Foto: Christoph Gabrysch



    Campuszug zum Sloper

    Nochmal Michiel Nieuwenhuijsen am spektakulären Abschluss von TNT – Campus-Zug zum Sloper mit der linken Hand – ins Lettenloch mit rechts ist der Abwerfer im TNT.
    Foto: C. Gabrysch