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Autor: Alex Wenner


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    Mein Gott, waren das Zeiten. Der 9. Grad war definitionsgemäss fast unkletterbar, nur die Sauguten kletterten 9er, zumindest in der Pfalz. In USA mit dem Grand Illusion bzw. im Altmühltal mit dem Face wurde der untere 10. Grad aber schon gezogen. Das intressierte in der Pfalz aber keinen. Den ersten Pfalz-Zehner gab's mit dem Schlotterschem „Windjammer“ erst ´92.

    Wir fuhren, als wir das erste Mal zum Hof unterwegs waren, irgendwann in den 80ern bei stockfinsterer Nacht aus Versehen hoch zum Honig anstatt zur PK Hütte und standen mit unserer Schleuder irgendwann direkt unter „Gottes Lohn“ 9.
    „Der Wald stirbt“, stand da an der Mauer und wir sterben wahrscheinlich auch gleich, dachten wir uns, wenn uns einer der damals noch rest-aktiven Haken- und Chalkkrieger mit Chalk-Bag, zumindest im Kofferraum, mit unserem VW Käfer hier mitten im Wald erwischt.

    Abends am Lagerfeuer gibt mir Kollege Michael - alias "Geier" - mal einen kurzen Einblick in die Pfälzer Kletterchronik. Tagsüber zog er das „Gorilla-Dach“ am Heidenpfeiler und hatte an dem Tag vorher, ohne wirklichen Auftrag, den Magnetfinger angecheckt. Das Gorilla-Dach, kein leichter 8+er, auch heute nicht, fand damals sogar Erwähnung in der Bergsteiger-Chronik, als es der Sepp Gschwendtner wiederholen konnte. Heute werden in den Mode-Mags nur über 9a und up Begehungen berichtet, in den 80ern unterhielt man sich noch über 8er Toptouren. Touren, die heute zum Aufwärmen herhalten müssen.

    Jaja, der Zahn der Zeit. Der Güllich hatte den Magnetfinger kurz davor Rotkreis geklettert. Meine Hände waren schweißnass, der 6. Grad war für mich gerade das Nonplusultra und ich war froh, die Klassiker, in die mich Geier reinschickte, zu überleben.
    1984 hatten Lothar Hartmann und Heinz Dengel am Burghalde eine Linie eingebohrt und technisch erstbegangen (5+/A1 angeblich), die keine 10 Jahre später weltberühmt wurde. Von den schweren Pfalz-Touren dürfte der Magnetfinger heute mit Abstand die meisten Begehungen haben. Schlangenader sollte sie eigentlich heißen. Zu Zeiten von Güllich gab's aber deutlich mehr Leisten und Seitwaben, sodass Kenner der Szene heute behaupten, dass Wolfgangs Begehung den oberen 8. bis unteren 9. Grad nicht überstieg.

    Die erste freie Wiederholung nach Güllich gelang am 1.11.1984 Michael Schlotter (Rotkreis) und am gleichen Tag dem Amerikaner Christian Griffith (RK) (Eldorado), den Schlotti aus der Fränkischen an dem Tag in die Pfalz brachte.
    O-Ton Schlotter: „Kubin und Kraus u.a. hatten zwar probiert, sind aber die "Schlangenader" wie der Magnetfinger auch genannt wurde nicht oder nicht schnell genug hochgekommen. Ich hatte damals Christian, Designer der Verve Klamotten und Sandstein Kletterer aus dem Eldorado Canyon aus der Fränkischen zum Sandsteinklettern mitgenommen und wir haben die Tour an einem typisch nebligen kalten Novembernachmittag und in typischen Lycras, ohne vorher jemals probiert zu haben, geklettert. Die Tour war damals leichter , links war in der Wand kein schlechtes Einfingerloch , sondern ein 2-Fingerloch und einige Leistchen an der Rippe waren etwas besser als Anfang der 90er Jahre und vermutlich heute. Für Christian war es außer dem Aufwärmprogramm die erste härtere pfälzische Tour. Er meinte, es sei eine harte Einführung ins Pfälzer Klettern gewesen.“

    Wolfgang Kraus gelang kurze Zeit später die erste Rotpunktbegehung, Roland Petrovecki und Hans Jürgen Cron legten nach. Da scheinen aber zwischenzeitlich schon Griffe abgefallen zu sein, denn Krausl sprach 1985 schon von einem glatten 9er in einem Pfalz-Artikel im 85er-Bergsteiger Heftl . Das erste mal Finger angelegt hab ich ´88, punkten konnte ich es aber erst ´89, denn der Winter war lang und hart (Hallen gabs übrigens noch gar keine). Da waren die Strukturen fast noch jungfreulich, die Griffe grip-ten wie´d Sau, anders wie heute.
    Am 3. Ring war zu der Zeit noch eine etwa 1cm breite Seitwabe für rechts, abschüssig, aber gut und an der Crux, die linke Leiste top, die rechte so wie heute, bevor man zur rechten Zange und dem berühmten Fingerloch zog. Man zog also von der rechten Seitwabe direkt mit links hoch zur damals schwarzen guten Leiste, (also ohne das ätzende Daumenloch), an der man locker chalken konnte, bevor man hookte und mit rechts zur Zange ging. Die linke schwarze Leiste hat dann irgendwann später einer mit dem Bunsenbrenner abgesprengt.

    Die Griffe schmierten, waren feucht und dem Hirni konnte es nicht schnell genug gehen. Bunsenbrenner drauf gehalten, 1-2-3 war der Griff abgeplatzt, das war aber Anfang der 90er. Bis dahin war die Bewertung mit 9 sicherlich gerechtfertigt. Magnetfinger diente uns zu der Zeit als Spul-Route, um die Max-Kraft zu verbessern. Florian nutzte die Idee, um sie mit Schlendern zu kombinieren, und die Trauerflöte 10-/10 (heute 10-, da Schlendern leichter wurde) war geboren, Namensgebung übrigens als Gedenken an den verunglückten Wolfgang.

    Da aber in der Pfalz gottgegeben nix schwerer sein durfte als 9, blieb das eine ganze Weile so. Alles was sauschwer war, war 9. Wolfgang Kraus beispielsweise brauchte mehrere Tage, um seine „Vollstreckung“ am Rödel, damals nur mit 9- angegeben, zu klettern, obwohl er in der fränkischen Süd bereits „Face“ 10- und „Kanal im Rücken“ 10 deutlich schneller geknipst hatte. Es war also durchaus hipp, in der Pfalz fast hype-mässig tiefzustapeln und knallhart zu werten. Das hat schon eh und je viele Reisende abgeschreckt, bei der zudem, zumindest in alten Classics, miserablen Absicherung.

    Als mal der Werner Thon in der Pfalz war und den Finger punkten konnte, sagte er zu mir: 8a+, ganz klar, also 10-. Der Pfälzer Magnetfinger wurde Magnet für alle, die besser klettern konnten. Klar, die Linie, als auch der Bekanntheitsgrad durch Bilder in Magazinen, selbst in USA, in Büchern und Postern sind auch heute noch der Grund, warum Leute zum Burghalde pilgern. Mittlerweile wirds schwierig weitere Griffe abzureissen, realistisch dürfte er bei 9+ angekommen zu sein, wobei mir tatsächlich jeder aktuelle Begeher zustimmen würde, das in anderen modernen Gebieten er durchaus als 8a durchging, gerade bei etwas schmierigen Bedingungen, die übers Jahr im Schnitt aber meist herrschen.

    Damenhalb- und Komplettbegehungen gab's auch wenige. Zm Beispiel hatte Silka Pierson ihn getoproped, aber nie gepunktet. Damaris Knorr, später dann Dorothea Karalus punkteten die Kante. Ob's weitere Frauenbegehungen gibt, weiß ich nicht. Von der Linie her, als auch von den technischen Anforderungen, überzeugt der Finger auch noch heute, auch wenn er mittlerweile in die Jahre gekommen ist.

Facts:
Magnetfinger 9+ (5+/A1) Burghalde ganz links am Massiv

  1. Begehung: Lothar Hartmann & Heinz Dengel (technisch) 5+/A1
  2. Wolfgang Güllich (1.RK) 9-
  3. Michael Schlotter (2.RK) Nov. 84
  4. Christian Griffith USA (3.RK) Nov. 84
  5. Wolfgang Kraus (1.RP) 9
  6. Hans Jürgen Cron
  7. Roland Petrovecki
  8. -x gegen 1000. Viele Pfälzer und Nichtpfälzer

Geschichtl:

    Einen Toten gab's an der Kante. Der Kletterer hatte den 4. Ring überklettert und ist am 5. abgerutscht. Er schlug unten auf dem Block ein und erlag seinen Verletzungen.
    Nachdem Jerry Moffat „Schlendern“ flashte, riss ich einenTag später in Schlendern den rechten Seitgriff raus. Mein Oldie sicherte und der Flug endete sehr sehr weich am 1. Ring vom Magnet, knapp über'm Boden. Dabei hätte es dann haarscharf den zweiten Toten gegeben. Paar Jahre zuvor hatte er mich schon bei einem Griffausbruch am Glasfels 16m abfliegen lassen, Faktor 2 Sturz an ihm vorbei direkt in seinen Stand. Weiches Sichern liegt ihm halt...
    Schwaben-Attacke unterm Magnet:
    Karli Widder, in den 90ern mit 55cm Bizepsumfang, aber mit summa cum promoviert, wurde fast zum Schläger nach einem kleinen Wortgefecht mit einem Schwaben, wer wann und wo einen Versuch starten könne. End vom Lied war: Karli stieg zuerst ein nach Androhung , der Schwabe würde gleich Friendgrösse 4 verschlucken.
    Christoph Stiegler dürfte mit Abstand die meisten Magnetfingerbegehungen haben (> 250). Als weitere Aspiranten, aber mit Abstand, auf den Titel „Meiste Begehungen“ kommen Uwe Gebhardt und dann AlexW in Frage.

    Ich kann mich noch gut erinnern, als ich Trauerflöte das erste mal punkten konnte, ich glaube es war Frühjahr ´93. Es war saukalt, Fleecehosen waren angesagt, aber wie immer zu dieser Poserzeit, natürlich mit freiem Oberkörper. Es war nebelig mystisch im Wald und Fred Ehrhardt sass in der kleinen Höhle unter dem Hai und spielte passend zu den langsamen und statischen Bewegungen auf dem Digeridoo seinen neuen Titel „Giftgasbunker“. Gänsehaut, nicht nur wegen der Kälte.
    Was für ein geiler Tag. Solche Tage sind offensichtlich selten im Leben.

Ausschnitt aus dem palatinum Film: