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Der Kletterklon
Autor: Alex Wenner

    Neulich blätterte ich in einem uralten Boulder-Magazin aus den 1980ern. Sprachrohre des Klettersports ließen sich über die Zukunft des Kletterns aus. Da wurde von utopischen Projekten berichtet, der tiefe sychologische Sinn des Bergsteigens ermittelt und neue Schwierigkeitsgrade für das Jahr 2020 orakelt. Aber keiner wusste so recht, was die Zukunft bringt. Keiner sprach von Funktionären und Sponsoren, die die Athleten heute so stark zu motivieren scheinen, alles nur noch zu visualisieren.

    Visualisieren, das neue Unwort des Jahres 2010, ist angekommen im alpinen Lager der Profis. Der 11. Grad wird von einigen zum lapidaren Warm-up degradiert und ein 8000er als Sonntagsspaziergang nach einer Tasse Yak-Tee einfach mal so mitgenommen. Der Gipfel ist nicht mehr das Ziel, sondern das Zelt, in dem sich der Athlet, im Höhenrausch im warmen Schlafsack liegend, auf den Gipfel der Genüsse träumt und sich selbst auf einer Kanonenkugel durch die Klettermedienwelt schießt. In Gedanken, versteht sich.
    Grosse Wände und schwere Sportkletterwege werden im Hochgeschwindigkeitslauf ohne Seil geklettert, mit dem Tod stets in Blickkontakt. Der Base-Schirm schafft für den ein oder anderen Solohelden die nötige Reserve, mit dem er zwar coole Free Solos machen kann, aber im Notfall dann doch drauf geht.

    Der Rest der Profi-Kletterwelt scheint wahnsinnig zu sein. Riskiert nicht länger eurer Leben für einen zweiseitigen Bildbericht in einem Kletter-Boulevard Blatt. Die Biotechbranche macht's möglich.Schickt euren Klon auf die vertikale Reise, die euch persönlich zu gefährlich oder zu zeitaufwendig ist. Therapeutisches Klonen nennt der DNA-Experte das. Man nimmt ein paar totipotente Zellen, vermehrt diese und stellt nacheinander erst die Organe, dann des Rest vom Kletterer her. Ich hab mir jetzt einen Klon gemacht und bin höchst zufrieden. Da ich noch nie auf einem 8000er war, trainere ich ihn gerade dafür. Mein Klon im Einsatz, um meinen persönlichen Alptraum zu realisieren - Wahnsinn. Ich mein, ich hab wirklich keinen Bock mit 150 anderen auf einem total langweiligen Normalweg Schritt für Schritt auf so einen Schneekegel zu steigen und auch noch zu japsen, als würde mir einer den Hals zudrehen. Mein Klon hat keine Sponsoren, daher auch keinen Druck, als erster Klon alle 14 Achttausender besteigen zu müssen, oder so. Da er exakt so aussieht wie ich, glauben meine Kumpels, was der Alex trainert wieder 5 mal die Woche, so wie früher.
    Ganz im Gegenteil. Alex macht Langzeiturlaub und wechselt sich mit dem Klon ganz fair ab. O-Ton Alex: „Er geht also 4 mal die Woche in die Halle, ich nur noch einmal, um körperlich nicht völlig zu degenerieren. Den Rest der Zeit ist mein Klon mit Konditionstraining für den 8000er, meinen Job in der Firma erledigen und in meinem Haushalt beschäftigt. Staubsaugen, Kochen, Wäsche waschen, Kinder versorgen und dann noch Klettern“. Ihr seht, auch das Leben meines Klons kann stressig sein. Meine Felsprojekte, die ich selbst nach 8 Tagen rumbouldern nicht hochkomme, übernimmt jetzt mein stets motivierter Kumpel aus dem Reagenzglas. Neulich fragte mich ein Funktionär, ob ich nicht mal Lust hätte, so eine Wahnsinnsalpenwand, so wie der Huber an der Zinne, free solo zu klettern. Klar, oder? Mein Klon soll diesen gefährlichen Auftrag übernehmen, mein Funktionär kennt ihn natürlich noch nicht, noch nie gesehen – darf er auch nicht.
    Während ich dann mit sicherem Arsch in der Lavaredo-Hütte Cappucinos schlürfe, zieht mein Klon durch die heiklen und wackeligen Züge des Phantoms oder vom Pressknödel an der Zinne – free solo on sight natürlich – ohne Base-Schirm und der Fotograf und das Filmteam benachbart im Schlingenstand baumelnd. Das gibt's, wenn´s gut geht , ein Presseblitzlichtgewitter vom Feinsten – und Kasse klingelt. Wenn´s ihn aber dann pressknödelt, muss ich eben wieder Zellen züchten und einen neuen Klon auftrainieren. Das wäre aber, bei all der Zeit, die ich in den Kollegen investiert habe, höchst ärgerlich.

    Das einizge was nervt ist, dass mein neuer Freund auch ein Schwein ist, so wie alle Männer („Männer sind Schweine“ – Die Ärzte 1998). So hab ich den Sack neulich mit meiner Frau im Bett erwischt, ihm aber dann postwendend mit einer Zellteilung gedroht. Was? Wenn mein Klon nicht spurt, wird er mittels Cytokinese wieder in seine Einzelteile zerlegt und ich freu mich dann auch vielleicht mal wieder, auf ein ehrliches und erlebnissreiches Bergvergnügen, eins nur für mich – nicht für die anderen.