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von Alex Wenner Der ganz normale Wahnsinn eines Plastik-Routenbauers beim Bouldercup
Alex Wenner – Routenbauer a.D., manchmal i.D.

GriffeSehr jungfräulich kommen sie aus der Maschine, zart und gepflegt , so sauber und doch brutal rauh.
In Deutschland geht der Bouldercup-Virus um. Kein Wunder, denn die Spass- und Jammergesellschaft, unterwegs im Kampf zwischen harten Beziehungkrisen und Job-Stress ist fasziniert und spürt den inneren Drang zur Ausgleichsbewegung. Fast an jedem Wochenende werden Herrscharen dünnbeiniger Boulderer in die magnesiageschwängerten Hallen ganz deutschlands gelockt, mit dem Versprechen am Ende Ruhm und Ehre, vielleicht auch ein niegelnagelneues Crashpad oder einen druckfrischen Nacktboulderkalender als Preis zu ernten. Na toll, sagen die Puristen. Zwei oder mehr PlastikgriffeandieWandschrauber, die Funktionäre nennen sie nationale & internationale Routenbauer, werden dazu verdammt, ein oder zwei Tage vor dem Cup feine Boulder zu schrauben. Dem anspruchsvollen Teilnehmer-Clientel muss schliesslich was geboten werden, und Tränen solls auch keine geben, wegen den zu leichten, zu schweren oder schmierigen Sloperproblemen.

Der Tag eines Routenbauer-Teams beginnt meist sehr angenehm. Nach ein paar Latte Macchiatos und Schokoriegel wird nach einer klar vorgegebenen Routenliste mit klar definierter Schwierigkeit die Wand inspiziert und visionär die Linien in Gedanken an die Wand genagelt. Danach heisst es fein säuberlich Schrauben sortieren und Griffe auswählen. Gut organisierte Veranstalter halten dafür Sunilsaubere aus der Waschmaschine kommende flache Bananen, Kratzleisten, Zweifingerinserts und fette Sloper bereit. Das macht soo glücklich, wirklich. Die Griffkisten sind schwer, das Schleppen dieser zum Einstieg noch schwerer. Schon mit einer ordentlichen Vorplättung durch die Knechterei gehts endlich los.
Kranke, nicht verarbeitete Traumata verleiten den Erschaffer zu hässlichen fingeraufbiegenden Moves und mit einer anregenden Portion Vorschadensfreude kreiert der fiese Routenbauer Boulderprobleme, an denen sich die Lemminge später austoben können.

Spass soll's machen, denn schliesslich will mannfrau für ihr Startergeld, ausser den beim Cup bereitstehenden Energie- und Proteindrinks, was für die Figur tun. Meistens reichen 20 Boulder aus, um wirklich auch den Besten brettharte Unterarme zu verpassen. Intelligente Routenbauer beginnen mit den wirklich schweren Testpieces, hier ein Tritt, dort ein Griff, noch einer, und oben dann der Abschlusssloper, der dynamisch zum Top „leidet“. Leiden sollen sie alle, ein Cup der Emotionen, saugen sollen sie auch, die Boulder, und wenn dann am Ende klar selektiert wurde, also keine ersten Plätze doppelt oder mehrfach belegt werden müssen, dann lachen auch die Funktionäre.
Selektiv ist das Schlagwort eines jeden Erbauers und der Sponsoren. Selektiv müssen sie sein, Zonengriffe erreichen schon nur die ganz Guten. Und die, die nur zum Spass vorbeikommen, wollen sich auch festhalten können, zumindest an den meist 3-4 leichteren straight-up´s und Traversen.

„Verkackt“, rufen die Schrauber in regelmässigen Abständen in den leeren Raum, denn man ist so einsam und die Einschlagmuttern sind verdreht, verbogen, manch eine verloren. Den Imbuss drehen bis zum Anschlag, schön weiter, bis es knackt im Gebälk, eine Handbewegung die lähmt und langweilt, aber die Traumata schaffen Mut, Mut der bis zum Ende reicht.

Das Routenerbauerteam erschlafft meist nach der Hälfte der gebauten Boulder so stark, dass Designer-Food Pizza´s aus der Polyprop-Folie, weitere Schokoriegel und genug Flüssiges nachgeschoben werden müssen.
Der interlektuelle Schrauber will meist kreativ komplexe Bewegungen, technisch anspruchsvoll und doch athletisch, die eierlegende Wollmilchsau des Plastikboulderns ist angesagt. Dann wird auch keiner jammern und jeder Lobeshymnen zur herausragenden Qualität des Cups über die Landesgrenzen hinaus verbreiten. Nach erfahrungsgemäss einer Schrauberei bis weit in die Nacht, sind sie angerichtet. 20 Linien, immer noch Sunilsauber, leicht befleckt mit Magnesiastaub vom Antesten, bekommen sie kleine Schilder mit ihren Namen und der Schwierigkeit, sodass das Clientel am nächsten Morgen erstarrt, voller Hochachtung und Anmut, für das was kommen wird. Geschaffen wurde ein Sammelsurium einzigartiger Visionen und Fusionen einer supercoolen Freizeitbeschäftigung. Mit Fingern und Handgelenken dick wie Pfälzer Knoblauchwurst, gehen die Routenbauer, meist allein, meist unglücklich, aber nur aus Erschöpfung, nach Hause und schreien nach Erholung und Tiefschlaf.

Der nächste Morgen. Die Finger sind noch dicker, geschwollen wie eine XXL-Blutwurst, wegen mir Pfälzer Blutwurst, zieht das Team alle Griffe nach. M10 Imbussschlüssel, jeder Griff bekommt eine Einzeltherapie, denn der Temperaturwechsel über Nacht hat die Holds gelockert. Nach getaner Arbeit ist Schichtwechsel, die Lemminge stehen vor der Tür, bereit zum Eintritt in die Arena. Blasse weisse Gesichter, ausgemerkelte Körper, noch dünner, als man sie aus den Magazinen kennt, gehen sie zur Registrierung an die Bar. Dort überreicht meist eine knackige, mit Minirock bekleidete Bardame die Energieriegel und Drinks und pünktlich wird zum Kampf aufgerufen.
Das Routenbauerteam macht jetzt Urlaub und geniesst die angenehme Atmosphäre, alle anderen gehen auf Punktejagd bis zur Preisverleihung. Am Ende gibts ne Party, manchmal mit berüchtigten Bands und wieder stellt sich mir die Frage: „ Was soll das alles? ..... weils vielleicht Spass macht,..... oder zumindest Spass machen soll, sagen die Wissenden.
Zum Schluss ein Zitat aus der Pfalz, dass ich euch nicht vorenthalten möchte:

Der Gipfelbuchwart H.F. gab am PK-Fest bekannt:
„ Bouldern ist die komplette Bankrotterklärung für´s Klettern“

Na, dann viel Spass beim Bouldern.