zum Traum vom Fliegen
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Exit
….Ich bin über den Wolken und rase mit einer unglaublichen Geschwindigkeit dem Erdboden entgegen. Mein Leben, Klettern, Frauen, Studium, Job, alles rast mit. Auf dem Rücken hab ich einen Fallschirm, aber bei aller Mühe und Anstrengung, er geht in der Öffnungshöhe von 1500m über Grund nicht auf. Ich werde panisch und fliege ungebremst weiter, auch der Reserveschirm versagt, das Gefühl verwandelt sich in einen unkontrollierbaren Rauschzustand, ich versuche zu verstehen, was ich falsch gemacht habe…3 seconds till impact….ich kann die Landewiese schon riechen. Soll dass schon das Ende einer kurzen Springerlaufbahn sein, so wie Schucki mir das mal erzählt hat, von dem französischen Springer, der sich mit zu kleinem Schirm in zu niedriger Höhe bei einer Drehung in den Boden gehookt hat, sodass beim Einschlag Schuckis Nudelteller zu vibrieren begann. Schweissgebadet wache ich auf…aber es war nur ein Traum, ein Alptraum.

Zillertal: Die grossen Granitblöcke am Tulfer und in den Jagdgründen, die wilde Gebirgslandschaft und die Wasserfälle, die Blöcke auf der Wiese, die Sauna in Karl´s kleinem Hotel, mit Wolfang und Gerhard beim Bouldern, die hübschen Mädels im Jeans-Shop in Mayrhofen, das alles ist ein vertrautes Gefühl für mich. Ich fahr sehr gerne dort hin. Endlich mal entspannen von diesem scheiß Stress.

In 3 Tagen geht er los, der AFF-Kurs. AFF steht für "accelerated free fall", eine beschleunigte Freifallausbildung. Was soll das heissen, etwa noch schneller ins Nirvana als bei der konventionellen Ausbildung, bei der man nach einer sehr kurzen Freifallphase über Leine gezogen wird ?
7 Levels sind es, die man bestehen muss, 12 Solo-Sprünge, 1-2 Checksprünge, dann die Prüfung und schon ist man Skydiver.
Schon auf der Autobahn von Innsbruck Richtung Pfalz wird mir kotzübel, wenn ich daran denke, mit eigenem Fallschirm auf dem Rücken aus einem viel zu engen Flugzeug zu springen.
Die Vision, den "Traum von Fliegen" hab ich schon lange. ´92 nachdem ich mit Roswitha das Tauchen und später das Gleitschirmfliegen angefangen habe, wollten wir es unbedingt ausprobieren. Die Jahre vergehen, man wird ja älter, vernünftiger, Kinder, Verantwortung… warum soll ich da aus einem Flieger rausspringen, brauch ich das wirklich ?
Es regnet in Strömen und ich sitz in dieser verrauchten Kneipe auf dem Sprungplatz in Bruchsal. Ein paar verirrte Seelen laufen unruhig hin und her, für heute wurde der Sprungbetrieb eingestellt. Die Atmosphäre erinnert mich an den Bärenbrunnerhof in der Pfalz, der Kult- und Kletterertreffpunkt seit Reinhard Karl und Wolfgang Güllich.
Aber auf dem Sprungplatz ist es anders. Ich sehe das Strahlen in den Augen mancher Fallschirmspringer, Adrenalin oder Endorphine oder beides muss das sein, was die zum Leuchten bringt.
Am Eingang dieser Hütte steht ein cooler Freak, der ununterbrochen in den Himmel starrt, hoffend auf besseres Wetter und schwachen Wind. Mit einem Blick, so wie ein Surfer, der auf die perfekte Welle wartet, so wie ein Kletterer vor einer unbestiegenen schwierigen Wand steht und so wie ich bei der Knoblauchgerda in Wernersberg, nachdem sie mir eins ihrer leckeren Knoblauchsteaks mit Pommes serviert hat.
Wir unterhalten uns, übers Springen, übers Klettern, er erzählt mir vom Base-Springen, von den Film Base-Climb, bei dem ein Baser zusammen mit einem Kletterer im Karakorum von einem Berg runterspringt, den sie vorher zusammen bestiegen haben. Der Baser hat dem Kletterer das Basen beigebracht, der Kletterer dem Baser das Klettern.
Stefan alias "Obi" zeigt mir ein von ihm neue gedrehtes Video, total spacige Sprungszenen irgendwo in der Schweiz.
Das liegt jetzt ein paar Monate zurück. Wir treffen uns am Flugplatz in Schweighofen, der Himmel ist blau, der Elsass nicht weit weg, keine Frauen am Platz. Ein kleines Örtchen in der Nähe von Wissenbourg. Ausser mir sind da noch 3 Anfänger, Hinne, Peter und Danny sind die Ausbilder in dem Kurs. Alle Schüler machen auf mich einen etwas verkrampften und eher unentpannten Eindruck, sie sind alles andere als Adrenalin- und Endorphinjunkies, die es jetzt wissen wollen, so wie ich das auf Obi´s neuem Video gesehen hab. Mir gehts übrigens genauso.
1.5 Tage trockene Theorie und "Gound school", im Hänger… 1.5 Tage nix anderes als Notverfahren üben, also den Fall aller Fälle. Hauptschirm versagt, Öffnungsstörung heisst das im Fallschirm-ABC, Reserve ziehen. Nach einem Tag fange ich an, dass zu glauben, was mir mein Alptraum so weisse vorhergesagt hat. Ich werde springen und ich werde sterben.
Am nächsten morgen regnet es, mal wieder Glück gehabt, nochmal 1 Tag leben, das Leben geniessen in vollen Zügen. Hatte ich heute überhaupt schon Sex, es könnte das letzte mal sein.
3.Tag: Hinne weckt mich, ich verlasse meinen kuschligen Schlafsack, würge einen Kaffee runter, auch hier gilt meine 3K-Regel (Kaffee-Kippe-Kac.en).
Nach einem kurzen Briefing bin ich für die nächste Maschine eingeteilt. In 12 Minuten gehts los, oh mein Gott.. Klettern ist so wunderbar, so kontrollierbar, werde ich meinen Sohn Noah, meine Tochter Larie wiedersehen ?
Wir steigen in die Pilatus Porter, eine Turbine, die uns in 10-15 Minuten auf 4000 m bringt. 10 Springer auf 9m2 Sitzfläche, wie die Ölsardinen sitzen wir da drin. Nachdem der Vogel abgehoben ist, bin ich eigentlich, für mich eher überraschend, ziemlich entspannt, bis auf etwa 1500 m. Die Schiebetür wird geöffnet und eine Schülerin wird abgesetzt. Sie muss heute einen reduzierten Sprung machen, kurz vor der Prüfung.
Ich glaub es nicht, 1500m, das kenn ich ja schon vom Klettern, höhere Wände in den Alpen oder in den USA, aber jetzt das, der Boden ist so nah. Sie geht raus, kurzes ok-Zeichen und sie springt mit einem Dive-Exit kopfvor aus der Maschine, ins Nichts, unter ihr der Pfälzer Wald. Was ein Wahnsinn, die muss total durchgeknallt sein, denke ich mir.
Ich hab 2 Lehrer dabei, die werden das schon richten, wenn ich gleich bewusstlos werde, die werden mir auch den Schirm ziehen, wenn was schief geht. Irgendwie hab ich mit meinem viel zu kurzen Leben abgeschlossen, ich soll mich nur auf den Sprung konzentrieren, Exitposition einnehmen, check in-check out, Kommando aussteigen 1-2-3-4; Prop-up-down (später heisst das dann ready-set-go). und dann die Hüfte.
Meine Rückenmuskulatur ist total verkürzt, schon zu lange bin ich beim Klettern. Am Boden auf dem Rollbrett hab ich die Hüfte nicht vorbringen können, wie um Himmels Willen soll das in der Luft funktionieren.
Es ist soweit, meine Hände sind klitschignass, meine Sprungbrille läuft an, scheiss Aufregung, Wenner jetzt reiss dich zusammen. Programm und dann in den Freifall, ich schreie, ich stürz ab…ich sehe 4000m unter mir grüne Weiden, links und rechts fette Schönwetter-Cumulus …oh Gott ist das geil. Ich dachte immer, ein Kletterer wird bewusstlos, wenn er abstürzt. Heute weiss ich, dass ein Kletterer oder eine Seilschaft, wenn sie abstürzen, bis zum Einschlag voll dabei sind, alles mitbekommen, wie schecklich grausam diese Vorstellung jetzt ist.
Wir fliegen, Höhenkontrolle, Höhe an beide Lehrer durch Mundbewegung durchgeben, 3 Scheingriffe, auf 2000m Kopfschütteln für no-more-turn, 1700m wave over, dass heisst abwinken, bei 1500 pull…bei 1500 pull ….wenner.. pull…ich bin total gespaced.. ich pulle nicht, Hinne übernimmt das.. es macht einen wahnsinnigen Ruck, mir schliesst es die Augen..der Schirm ist geöffnet. Ich hänge in 1300 m Höhe über meiner geliebten Pfalz an einem kleinen Fallschirm, ich lebe… ein Wahnsinn.
Der Flächenfallschirm ist voll steuerbar, ein paar Drehungen zum Runterkurbeln, dann knapp über der Wiese die Steuerleinen durchziehen, Flaren und Stehen im Idealfall. Ich bin gelandet, aber nicht meine Feelings, die sind immer noch auf Höhenflug. Ich muss Lachen, ohne klaren Grund, ein bekomme einen Flash, es sind die Endorphine und mir ist nach Sex… das was in den letzten 60 Sekunden Freifall abging war Sex mit den Göttern.

Text: Alex Wenner