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Text & Fotos: Alex Wenner Im Reich der Hexen – Dolomitenträume 2008
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Die Fahrt von Cortina zum Falzaregopass kommt mir vertraut vor. Heimatgefühle, trotz einer Stunde Flugzeit nach Venedig und weiter mit unserem Leihwagen-Flitzer mitten ins Herz der Tofana.
Dieses Jahr lassen wir es lässiger als die Jahre zuvor angehen, die 12 Stunden Fahrt über den Brenner werden durch fette Stewardessen an Bord der Billig-Airline zeitgemäss ersetzt. Wir hätten mit Lufthansa fliegen sollen, da sind nicht nur die Mädels hübscher. Wir freuen uns trotzdem. Die Cima della Madonna mit ihrer wild in den Himmel ragenen Schleierkante war das eigentliche Ziel. Bei Ankunft in Venedig zog aber gerade ein Frontgewitter über die Pala mit Aussicht auf 3 Tage Schlechtwetter. Die Entscheidung war klar, 3 Tage Kaffee-Trinken stand nicht zur Diskussion und in den Ampezzaner Dolomiten scheint die Sonne.

Die Zustiege sind gemütlich, keine 45 Minuten trennen uns vom Auto am Pass, zum Fuss der Südante des Sass di Stria. Sass di StriaWow, sieht das steil aus. Eine steile Rinne führt über eine Verschneidung auf die ausgesetzte Kante, die man drei Längen im oberen 4.Grad auf einen luftigen Kantenpfeiler verfolgt. Eine raffinierte Querung durch einen Durchschlupf im Kamin umgeht die überhängende Gipfelwand und bringt einem automatisch zur Schlüsselstelle in der achten Seillänge, die satt den 5.Grad erreicht. Eine etwas speckige glatte Verschneidung und eine schöne Platte führt direkt zum Gipfelkreuz. Die Kante bietet 9 Seillängen, die meisten bewegen sich im 4.Grad und Dolomiten-Vierer sind im Vergleich zu den Nordalpen ganz schön steil und vor allem hart bewertet. Das Wetter ist prächtig, der Blick reicht vom Lagazoui über die Civetta bis zur Marmolada, ein absoluter Traumtag.

Auch der Abstieg, der über alte Kriegssteige zurück zum Parkplatz führt, komplettiert das spitzenmässige Gesamterlebniss. Unser 4 Sterne Luxus Hotel im Altabadia Tal ist auch dieses Jahr unser Basislager. Tagsüber klettern und Abenteuer, abends saunieren mit anschliessendem Gourmet-Dinner. Die Kombination gefällt mir sehr gut. Um uns herum Wände mit klingenden Namen, Cima Scotoni mit ihrer Lacedelli im 8.Grad oder der Pilastro an der Tofana di Rozes.

Mit dem Sessellift gehts elegant 12 Stunden später, und vor allem extrem kraftsparend für die Waden, zu einer Hütte.Heinz in der „Dibona“ am Torre Quarta Bassa Von dort trennen uns gemütliche 10 Minuten zum Einstieg mehrerer super Touren, steil, ausgesetzt und vor allem in unglaublich griffigem und festem Dolomit. Zum Einstieg wählen wir die „Dibona-Führe“ 4+ auf den Gipfel des Torre Quarta Bassa und seilen umgehend ab, bevor wir schon vor dem geplanten Saunagang am Abend ordentlich geduscht werden. Die Gewittermauer über der Tofana di Rozes verspricht dies auf jeden Fall. Wer hart arbeitet, muss auch mal ausruhen. Einen trüben Ruhetag verbringen wir am Misurinasee und lassen uns von den Silhouetten der Cadinspitzen und den Zinnen bei einem Alm-Cappucino verzaubern.

Am nächsten Tag steht wieder Angriff auf Dolomit auf dem Programm. Felsqualität vom Feinsten am Torre Grande, mit seiner klassischen „Via delle Guide“. Die Einstiegsseillänge sieht heiss aus. Der erste Haken auf 15m Höhe, fast senkrecht gehts dorthin, es müssen ja Henkel sein, auch wenn es anders aussieht. Der Blick trübt nicht, moralisch anspruchsvoll, aber mit Kellen übersät gehts hoch, über einen kleinen Überhang, die Schlüsselstelle, in weniger steiles aber unglaublich griffiges Gelände. Es folgen 4 weitere Längen, wirklich klasse. Heinz, am Gipfel angekommen und gerade beim Gipfelgruss händeschüttelnd den Erfolg mit mir feiernd, verabschiedet sich mein Abseilachter über die komplette Wand. Fatal!

Auf der anderen schmalen Bergseite gehts nämlich ausschliesslich abseilend zurück zur Almwiese. Ist mir in 25 Jahren Klettern, weder in den Alpen noch sonstwo bisher passiert.Abseilen am Torre Grande Egal, dann nimmt man eben einen HMS als Abseilersatz. Nur, der krangelt ein Doppelseill natürlich heftig, sodass nach 2x abseilen erstmal Schluss ist. Das Seil verklemmt sich beim Abziehen. Ein Ende hängt aber schon 10m über dem Stand. SCHEISSE, schallt's durch die Schlucht. Es hilft nix, ich muss wieder hoch. Solo hoch zum Entkrangeln und solo wieder runter. Nach dem nervenaufreibenden Seilmanöver stärken wir uns wieder in unserer Wellness-Oase. Aber wie so oft bei Expeditionen, zieht die nächste Kaltfront an und das Basislager muss auch mal gewechselt werden. Wir entschliessen uns , einen noch nicht gelebten Traum, mitten in der wilden Berglandschaft der Brenta, zu verwirklichen.

Campanile Basso oder in Deutschland besser unter dem Namen Guglia bekannt, heisst unser nächstes Ziel. Unglücklicherweise bleiben uns nur noch 2 Tage, also ist Hetzen angesagt. Bei fürchterlichem Dauerregen gehts zäh über das Grödnerjoch, Wolkenstein und St. Ulrich (Grüss di Luis Trenker) zum Übel des Tages: zur Autobahn, denn ab Klausen stehts! Die Autos stehen, von Klausen bis nach Rovereto Süd, das sind laut meiner Karte unglaubliche 100 km Stau und das, wo´s brennt bei uns. Wir müssen heut noch nach Madonna di Campiglio, egal wie. Brenta Alta in der MitteNach 3 Stunden, immerhin 17km geschafft, nehme ich Ausfahrt Bozen Nord und wie üblich in den Dolos, und ab geht's über Kehre A bis Z kurvig bis ins Delirium über den Mendelpass, staufrei bis, naja, kaum alle Kehren wieder runter, in ein Kaff, das gerade Schauort irgendeiner Giro Italia ist. Weitere 1.5 Stunden Wartezeit bis alle Radler vorbei sind, es wird knapp. Abends jedenfalls ist es leider zu spät noch zur Pedrotti-Hütte aufzusteigen. Demnach steht wieder 4-Sterne Gourmet und Wellnessen an, diesmal in Madonna, diesmal mit Kellnern der alten Schule, die auch mal den Diener machen zum guten Appetit wünschen und in der Hoffnung, dass nach der Kaltfront ein weiterer Schönwettertag folgt. Am nächsten Morgen geht's bei blauem Himmel in vier Stunden über die Brentei-Hütte 1100 Höhenmeter zur Pedrotti-Hütte, ein wunderbarer Tag, an dem wir schon am Campanile hätten sein müssen.

In der Hütte, die gottverlassen wildromantisch unter der Scharte steht, war vor 4 Jahren deutlich mehr los. Laut Hüttenwirt wurde es ruhig in der Brenta, scheint out zu sein, zu wild vielleicht für manchen Gipfelstürmer, Campanile Bassodenke ich da an Türme wie den Campanile oder an den Crozzon di Brenta mit seinem 1000m langen Franzosenpfeiler. 5 Uhr morgens, auf gehts zum letzten Streich unseres Trips. Der schwere Rucksack hinterliess schon beim langen Zustieg seine Spuren, über ein Teil des Bochette-Weges gehts zum Einstieg des Campanile, ein wahrhaft ausgesetztes Unterfangen, so früh am morgen. Der Kaffee liegt uns schwer im Magen, aber noch mehr die aufziehenden Wolken, die ein Meteorologe in Innsbruck mir am Telefon schon vorhergesagt hatte und die Guglia in ein mystisches Licht eintauchten.

Egal, wir steigen ein. Nach 100 Metern dann das Aus. Heinz haut sich das Knie dermassen fatal an die feuchten Blöcke, dass nix mehr geht. Wir sind zum Rückzug gezwungen, das Wetter wird zudem miserabel schlecht, die Wolken machen die Orientierung schwierig und den Fels feucht. ZustiegDer Abstieg wird nochmal ein ganz heisses Unternehmen, 6 Stunden später tauchen wir wieder ein in die Welt des Glamours und des Saunierens. Zum Abschluss gönnen wir uns nach der Rückfahrt Richtung Flughafen noch einen Abend in Venedig, um einen Seufzer abzulassen an der gleichnamigen Brücke. Ein Seufzer, da wir den Gipfel des Campanile leider nicht erreichten, aber auch einen Freuden-Seufzer, über unsere gemeinsamen Dolomiten-Erlebnisse der letzten 10 Tage, mit meinem Papa, Oldie Heinz Wenner, der mit 75 noch ganz schön schwer anziehen kann. Danke, für diese tolle Zeit.