Die Fahrt von Cortina zum Falzaregopass kommt mir
vertraut vor. Heimatgefühle, trotz einer Stunde Flugzeit
nach Venedig und weiter mit unserem Leihwagen-Flitzer mitten ins
Herz der Tofana.
Dieses Jahr lassen wir es lässiger als die Jahre zuvor angehen,
die 12 Stunden Fahrt über den Brenner werden durch fette
Stewardessen an Bord der Billig-Airline zeitgemäss ersetzt.
Wir hätten mit Lufthansa fliegen sollen, da sind nicht nur
die Mädels hübscher. Wir freuen uns trotzdem. Die Cima
della Madonna mit ihrer wild in den Himmel ragenen Schleierkante
war das eigentliche Ziel. Bei Ankunft in Venedig zog aber gerade
ein Frontgewitter über die Pala mit Aussicht auf 3 Tage Schlechtwetter.
Die Entscheidung war klar, 3 Tage Kaffee-Trinken stand nicht zur
Diskussion und in den Ampezzaner Dolomiten scheint die Sonne.
Die Zustiege sind gemütlich, keine 45 Minuten
trennen uns vom Auto am Pass, zum Fuss der Südante des Sass
di Stria. Wow,
sieht das steil aus. Eine steile Rinne führt über eine
Verschneidung auf die ausgesetzte Kante, die man drei Längen
im oberen 4.Grad auf einen luftigen Kantenpfeiler verfolgt. Eine
raffinierte Querung durch einen Durchschlupf im Kamin umgeht die
überhängende Gipfelwand und bringt einem automatisch
zur Schlüsselstelle in der achten Seillänge, die satt
den 5.Grad erreicht. Eine etwas speckige glatte Verschneidung
und eine schöne Platte führt direkt zum Gipfelkreuz.
Die Kante bietet 9 Seillängen, die meisten bewegen sich im
4.Grad und Dolomiten-Vierer sind im Vergleich zu den Nordalpen
ganz schön steil und vor allem hart bewertet. Das Wetter
ist prächtig, der Blick reicht vom Lagazoui über die
Civetta bis zur Marmolada, ein absoluter Traumtag.
Auch der Abstieg, der über alte Kriegssteige
zurück zum Parkplatz führt, komplettiert das spitzenmässige
Gesamterlebniss. Unser 4 Sterne Luxus Hotel im Altabadia Tal ist
auch dieses Jahr unser Basislager. Tagsüber klettern und
Abenteuer, abends saunieren mit anschliessendem Gourmet-Dinner.
Die Kombination gefällt mir sehr gut. Um uns herum Wände
mit klingenden Namen, Cima Scotoni mit ihrer Lacedelli im 8.Grad
oder der Pilastro an der Tofana di Rozes.
Mit dem Sessellift gehts elegant 12 Stunden später,
und vor allem extrem kraftsparend für die Waden, zu einer
Hütte.
Von dort trennen uns gemütliche 10 Minuten zum Einstieg mehrerer
super Touren, steil, ausgesetzt und vor allem in unglaublich griffigem
und festem Dolomit. Zum Einstieg wählen wir die „Dibona-Führe“
4+ auf den Gipfel des Torre Quarta Bassa und seilen umgehend ab,
bevor wir schon vor dem geplanten Saunagang am Abend ordentlich
geduscht werden. Die Gewittermauer über der Tofana di Rozes
verspricht dies auf jeden Fall. Wer hart arbeitet, muss auch mal
ausruhen. Einen trüben Ruhetag verbringen wir am Misurinasee
und lassen uns von den Silhouetten der Cadinspitzen und den Zinnen
bei einem Alm-Cappucino verzaubern.
Am nächsten Tag steht wieder Angriff auf Dolomit
auf dem Programm. Felsqualität vom Feinsten am Torre Grande,
mit seiner klassischen „Via delle Guide“. Die Einstiegsseillänge
sieht heiss aus. Der erste Haken auf 15m Höhe, fast senkrecht
gehts dorthin, es müssen ja Henkel sein, auch wenn es anders
aussieht. Der Blick trübt nicht, moralisch anspruchsvoll,
aber mit Kellen übersät gehts hoch, über einen
kleinen Überhang, die Schlüsselstelle, in weniger steiles
aber unglaublich griffiges Gelände. Es folgen 4 weitere Längen,
wirklich klasse. Heinz, am Gipfel angekommen und gerade beim Gipfelgruss
händeschüttelnd den Erfolg mit mir feiernd, verabschiedet
sich mein Abseilachter über die komplette Wand. Fatal!
Auf der anderen schmalen Bergseite gehts nämlich
ausschliesslich abseilend zurück zur Almwiese. Ist mir in
25 Jahren Klettern, weder in den Alpen noch sonstwo bisher passiert.
Egal, dann nimmt man eben einen HMS als Abseilersatz. Nur, der
krangelt ein Doppelseill natürlich heftig, sodass nach 2x
abseilen erstmal Schluss ist. Das Seil verklemmt sich beim Abziehen.
Ein Ende hängt aber schon 10m über dem Stand. SCHEISSE,
schallt's durch die Schlucht. Es hilft nix, ich muss wieder hoch.
Solo hoch zum Entkrangeln und solo wieder runter. Nach dem nervenaufreibenden
Seilmanöver stärken wir uns wieder in unserer Wellness-Oase.
Aber wie so oft bei Expeditionen, zieht die nächste Kaltfront
an und das Basislager muss auch mal gewechselt werden. Wir entschliessen
uns , einen noch nicht gelebten Traum, mitten in der wilden Berglandschaft
der Brenta, zu verwirklichen.
Campanile Basso oder in Deutschland besser unter
dem Namen Guglia bekannt, heisst unser nächstes Ziel. Unglücklicherweise
bleiben uns nur noch 2 Tage, also ist Hetzen angesagt. Bei fürchterlichem
Dauerregen gehts zäh über das Grödnerjoch, Wolkenstein
und St Ulrich (Grüss di Luis Trenker) zum Übel des Tages:
zur Autobahn, denn ab Klausen stehts ! Die Autos stehen, von Klausen
bis nach Rovereto Süd, das sind laut meiner Karte unglaubliche
100km Stau und das, wo´s brennt, bei uns. Wir müssen
heut noch nach Madonna di Campiglio, egal wie. Nach
3 Stunden, immerhin 17km geschafft, nehme ich Ausfahrt Bozen Nord
und wie üblich in den Dolos, und ab geht's über Kehre
A bis Z kurvig bis ins Delirium über den Mendelpass, staufrei
bis, naja, kaum alle Kehren wieder runter, in ein Kaff, das gerade
Schauort irgendeiner Giro Italia ist. Weitere 1.5 Stunden Wartezeit
bis alle Radler vorbei sind, es wird knapp. Abends jedenfalls
ist es leider zu spät noch zur Pedrotti-Hütte aufzusteigen.
Demnach steht wieder 4-Sterne Gourmet und Wellnessen an, diesmal
in Madonna, diesmal mit Kellnern der alten Schule, die auch mal
den Diener machen zum guten Appetit wünschen und in der Hoffnung,
dass nach der Kaltfront ein weiterer Schönwettertag folgt.
Am nächsten Morgen geht's bei blauem Himmel in vier Stunden
über die Brentei-Hütte 1100 Höhenmeter zur Pedrotti-Hütte,
ein wunderbarer Tag, an dem wir schon am Campanile hätten
sein müssen.
In der Hütte, die gottverlassen wildromantisch
unter der Scharte steht, war vor 4 Jahren deutlich mehr los. Laut
Hüttenwirt wurde es ruhig in der Brenta, scheint out zu sein,
zu wild vielleicht für manchen Gipfelstürmer, denke
ich da an Türme wie den Campanile oder an den Crozzon di
Brenta mit seinem 1000m langen Franzosenpfeiler. 5 Uhr morgens,
auf gehts zum letzten Streich unseres Trips. Der schwere Rucksack
hinterliess schon beim langen Zustieg seine Spuren, über
ein Teil des Bochette-Weges gehts zum Einstieg des Campanile,
ein wahrhaft ausgesetztes Unterfangen, so früh am morgen.
Der Kaffee liegt uns schwer im Magen, aber noch mehr die aufziehenden
Wolken, die ein Meteorologe in Innsbruck mir am Telefon schon
vorhergesagt hatte und die Guglia in ein mystisches Licht eintauchten.
Egal, wir steigen ein. Nach 100 Metern dann das
Aus. Heinz haut sich das Knie dermassen fatal an die feuchten
Blöcke, dass nix mehr geht. Wir sind zum Rückzug gezwungen,
das Wetter wird zudem miserabel schlecht, die Wolken machen die
Orientierung schwierig und den Fels feucht. Der
Abstieg wird nochmal ein ganz heisses Unternehmen, 6 Stunden später
tauchen wir wieder ein in die Welt des Glamours und des Saunierens.
Zum Abschluss gönnen wir uns nach der Rückfahrt Richtung
Flughafen noch einen Abend in Venedig, um einen Seufzer abzulassen
an der gleichnamigen Brücke. Ein Seufzer, da wir den Gipfel
des Campanile leider nicht erreichten, aber auch einen Freuden-Seufzer,
über unsere gemeinsamen Dolomiten-Erlebnisse der letzten
10 Tage, mit meinem Papa, Oldie Heinz Wenner, der mit 75 noch
ganz schön schwer anziehen kann. Danke, für diese tolle
Zeit.