Vorwort zum Film
Boulder Area
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Text: Alex Wenner, Fotos: Alex Wenner, Klaus Biehn Bouldern in den Brenta Dolomiten
Erschienen im Klettern-Magazin 06-04 in gekürzter Fassung.

“Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, Bergvagabunden sind wir ...”

Tuckett-Hütte
Eine sternenklare Nacht, knapp über Null Grad Celsius, es riecht fürchterlich nach Gulasch-Furz und die 15 Herren in gehobenem Alter liefern sich ein Schnarchkonzert in allen erdenklichen Tonlagen. An eine schlafbringende Nacht in nicht zu denken.
Die Tuckett-Hütte ist der zentrale Ausgangspunkt für den “Sentiero delle Bocchette Alte”, ein kühner, überaus imposanter Abschnitt des berühmten Bocchetteweges. Vor Wochen rief mich mein Vater an, der als Bergführer eine Gruppe durch die Brenta führen will. Die Mannschaft ist gross, er braucht Verstärkung, dass heisst eine Woche knechten, schwerer Rucksack und Klettersteigtourismus.

Als 8-jähriger Jüngling bin ich schon mal über den Bocchetteweg gerutscht, kann ich mich daher grob an das ein und andere Blocklabyrinth in Hüttennähe erinnern. In dieser Woche werden wir keinen Campanile Basso oder Crozzon di Brenta klettern können, daher steck in die Kletterpatschen und den Chalkbag prophylaktisch zum Bouldern ein.Boulderblöcke Tuckett
Die Tagesetappen sind schön, aber ausdauernd, teilweise stressig, Gegenverkehr an exponierten Stellen, Ertragen der Langsamkeit einzelner Bergkameraden an den Drahtseilen, das ständige Umklippen der Karabiner, Klettersteig gehen erfordert ein hohes Mass an Geduld und Gelassenheit.

“Aber die steilen Grate, die gigantischen Wände und die wilde Landschaft lassen mich in meinen alten Jahren zum Romantiker und Eroberungsalpinisten werden.
In sicherer Gewissheit der zu durchstehenden Qualen, lässt die Aussicht auf Bouldern, unser Herz vor Freude frohlocken”.

Als wir die Tuckett-Hütte erreichen, hat das Schinden ein Ende. Uns überrascht das unglaubliche Angebot an Boulderblöcken und verspricht zumindest mal vom optischen Eindruck her, Kletterei vom Feinsten. In unmittelbarer Hüttennähe erblickt unser Auge unzählige Kalkblöcke, in unterschiedlichen Dimensionen und Formen.
Nur die Höhe macht uns zu schaffen, Bouldern auf über 2500m sind wir nicht gewöhnt. Das Herz pumpt hektisch Blut durch unsere geschwollenen Adern, Bouldern wird hier oben zum Ausdauersport.
Hinter der Materialseilbahn dann die erste Perle im Brentakalk.

“Freudige Erwartung lässt den Fusse zügig zum Felsen streben. Über mir klafft der Block wie eine von blutig Schwert geschlagene Wunde."

Blockschnaxler, Fb. 7bDer “Blockschnaxler” Fb. 7b startet mit Sitzstart auf einer grünen Hochgebirgswiese, die linke Backe keine 30 cm entfernt eines blauleuchtenden Gebirgsenzians. “Treue Freundeshand spottet”. Drei kräftige Leistenzüge leiten zum 3 m hohen Brentagipfel, im Hintergrund die romantisch anmutende Mauer des Castelletto Inferiore mit der ach so berühmten Kiene-Route. Das Ambiente ist genial, Nebelschwaden durchziehen die Blocklandschaft. Es wird sehr mystisch, weiter hinten im Dunst einzelne Lichter und Silhouetten einzelner Vagabunden, die sich von den Portionen der Vor-, Haupt- und Nachspeise der Abendmahlzeit, die der Hüttenwirt persönlich zaubert, erholen müssen. Elke in "Alpenglüher" Fb. 6b+
El klettert den Highball “Alpenglüher” Fb.6b+, 6m hoch, natürlich ohne Crash Pad, dass bei einer Bocchettetour nirgends Platz findet. Die flohbeladenen Matratzen des Nachlagers bieten keine echte Alternative.
"KletterBruder” Klaus gelingt ein kleines Dach aus´m Sitzstart raus, mit einem Sloper-Mantle Ausstieg, der mit den typischen Pfalz Problemen locker mithalten kann.

“Mit stolz geschwellter Brust auf dem Block sitzend, über uns ein Meer purpurrot gefärbter Wolken, beenden wir das Tageswerk."

Der nächste Abschnitt wird anstrengend, Bocchette Alte zur Alimontahütte. Ich richte das Gehtempo so ein, dass wir um 16 Uhr auf den Hütten sind, einerseits um den nachmittäglichen Gewittern auszuweichen, aber auch um genügend Zeit zu haben, unsere “Tour de bloc” fortzusetzen.

“Gefüllt mit Bergesglück steigen wir zur Hütte ab."

50 Gehsekunden von der Alimonta-Hütte entfernt, haben Bergführer aus Madonna di Campiglio einen Klettergarten für Kletterkurse eingerichtet. Für uns ein Leckerbissen, mehrere Highballs zu klettern. An einem 10m hohen Block entdecke ich eine geniale Linie, eine Lochreihe die bis zum Gipfel des Turms führt.

“Ein schwacher Halt gefunden, die linke Hand krampfhaft verklemmt, wie ein Feuer brennt die Erregung in meinem Körper. Angst entlockt mir ein zaghaftes 'Es muss!'."

Nach 6 m in “Gebrüder Mattheis Gedächtniss Boulder” Fb. schwer, räumen meine Spotter die Landebahn. Hätte auch wirklich knapp werden können, mir blieb nur die Flucht nach oben.

“Tiefe Freude machte sich in meinem Herzen breit, nur so knapp dem sicheren Tod entronnen zu sein. Erleichtert winke ich meinen Bergfreunden zu. Mit leichtem Schritt den Fels absteigend, geniesse ich den heldenhaften Ruhm eines Erstbegehers. Schon strecken sich dankschüttelnde Hände meiner Kameraden entgegen."

Dopamin-gespaced geselle ich mich wieder unter die nachts furzende und schnarchende Menge.Brenta Schuhe
Die Wiese unterhalb der Cima Tosa, mit ein paar Blöcken bestückt, unweit von der Pedrotti-Hütte gelegen, erinnert mich an die Tage mit Gerhard, Markus und Wolfgang im Zillertal. In welchem Bouldergebiet landet der Bergsteiger beim Abgang schon auf einer Wiese ? Auf 2500m ein kleines Paradies für Boulderer. Scharfe Miezen in der Hütte, scharfe Kanten, kleine Überhänge und das alles nur ein paar Minuten entfernt vom kühlenden Weizenbier, Importware aus Deutschland.
Ein weiteres Boulderhighlight in der Brenta findet der interessierte Steiger bei der Location Agostini-Hütte. Nach einer 120-sekundenlangen Dusche für 3 Euro, geht's gepflegt und nach Aftershave duftend, auf erste Erkundungstour.

“Gesättigt durch die atemberaubende Szenerie majestätischer Felsformationen, schweift mein Blick des nächtens von meinem Lager erneut hinaus, in die Welt der Agostiniblöcke und ich kann schon den Hauch von kleinen Kanten und steil abfallenden Mulden spüren. Tief beeindruckt geleiten mich bizarre Bilder in meine Träume. Am Morgen ist vor Aufregung der zu erwartenden Ereignisse, kaum ein Bissen herunterzubringen. Eine Stulle in den Rucksack stopfend, machen wir uns auf den Weg zu den Blöcken. Dort stockt uns der Atem."

Eine scharf geschnittene Sloperkante, ähnlich dem Zillertalproblem “Hotel California”, eben nur kleiner und aus Kalk anstatt Granit, soll unser erster Kraftakt sein. Flache Aufleger leiten über zum finalen Presser in die Platte. Die “Detassis”, meine Widmung an Bruno Detassis, der viele Jahre als Hüttenwirt der Brentei, die wichtigsten Brenta-Klassiker zu Zeiten Comicis, Maestris und den anderen Dolomiten VIPs erstbegangen hat, checkt etwa bei Fb.7b+ trav. ein und darf jetzt schon mal als Brentaboulderclassic bezeichnet werden. Auch Detassis boulderte schon zu frühen Zeiten.
Kurz bevor die Nacht einbricht, gelingt Elke noch ein ganz edles Teil aus Kalk. Sambuca con la musca, Fb. 7a“Sambuca con la musca” Fb.7a startet an einem wunderschönen Block mit Sitzstart und bietet athletische kleingriffige Kletterei. Die flache Kante zum Ausstieg ist moralisch anspruchsvoll, aber moderat schwer. Etliche Sambucas später, versinkt die Sonne hinter unseren kleinen Brentagipfeln blutrot.

“Herrliche Blöcke, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir."

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