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Kur, Casino & Designer – Modern Art am Battert
Autor: Alex Wenner
Eine gekürzte Version erschien im Klettern-Magazin Nov. 2006.

Das Klettern am Battert bei Baden-Baden hat Geschichte. Um 1880 wurde dort erstmals auf einen der Gipfel gestiegen. Was hat Klettern mit Yuppies, Dior, Chanel oder Gucci zu tun? Nichts! Glaubt man! Baden-Baden ist beliebt wegen seiner Schickeria, den Luxusshops und dem Casino. Russische Zaren haben sich im 18 Jh. in der Stadt niedergelassen, russisch-orthodoxe Kirchen gebaut und in einer davon die badische Prinzessin Luise verehelicht. Noch heute ist Baden-Baden beliebter Ausflugsort liquider russischer Familien.

Ohne auf die Erschliessungsgeschichte des Steinlabyrinths näher einzugehen sei doch erwähnt, dass grosse Alpinisten und Protagonisten wie Schliessler, Stößer, Steger, Laub, später dann Gundermann oder Kullmann den Battert als Trainingsgebiet für die Alpen nutzten. Rolf Gundermann stürzte Mitte 90 in seinem Hausgebiet tödlich ab.
Prinzipiell gilt der Battert als kühn abgesichertes Genussklettergebiet, so beschäftigt sich auch dann die Masse aller mit den leichteren, oft sehr lohnenden Wegen. Den Umgang mit Keilen und Friends sollte man drauf haben. In keinem anderen mir bekannten Gebiet tummeln sich derart viele behelmte, mit Brustgurt und Prusik equippte Steiger unter modebewussten jungen Menschen, die angeregt über den Unterschied zwischen 4 und 4+ diskutieren. Retro versus Gigolo, Kuckucksuhr oder Rolex, stets in vorbildhafter Harmonie und das inmitten des schönen Schwarzwaldes.

O-Ton: “ Also, das ist sicher eher 4+, mit 4 hat das nichts zu tun, oder zumindest 4/4+.“

Wer kann das schon beurteilen? Richtig, ein Battert-Kletterer, und das zurecht. Denn sehr schnell spürt selbst der eingefleischte Extremkletterer, dass es mit den letzten Zügen am „Bockgrat“ der Falkenwand aus dem Jahre 1905 nicht nur luftig ausgesetzt, sondern auch technisch gesehen, für 4+ ungewohnt streng zur Sache geht. Die Linien links der Kante sind nicht weniger eindrucksvoll. Immer recht griffig gehts dahin, so auch in der „Freundschaft“ 6-, dem klassischen „Raucherwandel“ 6+, das fotografisch sogar Berühmtheit in alten Magazinen durch Silberlorbeerblattträger Sepp Geschwendtner erlang, oder in der benachbarten „Falkenkante“ 7 mit ein paar lässig exponierten Zügen, steigt es sich zügig dem Gipfel entgegen. Selten kann man in deutschen Mittelgebirgen besser Genussklettern, aber vor allem, kaum lohnender. Selbst Battert-Routen im 3.Grad wie der Bismarkgrat sind phänomenal von der Art der Kletterei, Länge und der Linienführung. Oft sind allerdings die Einstiege verblockt, finster, teils wirklich hässlich und nicht so idyllisch wie im Sandkasten des Pfälzer Waldes. Hat man aber die ersten zehn Meter Fels erstmal unter sich gelassen, fühlt man sich gleich besser und die Szenerie wird zunehmend harmonischer und optisch ansprechender. Auf den Turmspitzen angekommen, wird man mit einem wunderbaren Blick hinunter auf Baden-Baden belohnt.

Modisch wurde es am Battert, schon die Anfahrt zur Parking-Area durch das Villenviertel von Ebersteinburg lässt auf Grosses hoffen. Das Hanfseil, die meisten alten Rostgurken, einst seriöse Haken, als auch der Angstschweiss wurden zeitgerecht ersetzt. Heute trägt ein Teil des Battert-Clientel Oliver Peoples, Boss und sonstiges Gedöns und klippt Bühler. An den Einstiegen riechts nach Versace, Chopard oder nach wie vor nach Schweiß.

Abseits der Genuss-Climbs findet sich im Labyrinth der diversen Schluchten auch Anspruchsvolles, mitunter auch recht schweres Gemäuer. So fühlt sich manche Battert 9- härter an als in international bekannten Kalkgebieten wie z.B. rund um Nürnberg.
Michael Hummel beschreibt in einem Rotpunkt-Magazin aus den achtziger Jahren den „Klappstuhl am Paradies“ (1985) und bewertet eine freie Begehung mit glatt 9.
Der Grad hat sich bis heute etwas relativiert, die Route wird unter den Cracks jetzt mit 8+/9- gehandelt und bietet aber nach wie vor angenehm anspruchsvolle Moves in bedrohlich schattigem Ambiente. Der Zustieg oder besser der Abstieg zum Beginn der Touren ist logistisch etwas komplex und abenteuerlich. Daher werden die Routen in diesem Sektor kaum wiederholt. Fast kommt Verdon-Feeling auf, der grandiose Tiefblick fehlt allerdings. Rechts vom Klappstuhl stieg 1993 Oliver Jacob den „Rollstuhl zur Hölle“ und bewertet die Einstiegsvariante zum Klappstuhl mit 9. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Einziger Wehrmutstropfen ist der Aufstieg nach getaner Arbeit. Den benachbarte „Steigbaumriss“ 6+ werden nur die Botaniker lieben, die gegenüber Keil und anderem Gerödel nicht abgeneigt sind. Der „Ökotest“ 7 kann unter heutigen Maßstäben aufgrund seiner Gefährlichkeit nicht empfohlen werden.

Ende der Achtziger gab es am Battert zwei neue Teststrecken. Einerseits die „Maßstäbe“ 9 von Michel Hummel an der Badener Wand und „Der Block“ 10-/10 unterhalb des Predigstuhles. Der Block gäbe eigentlich ein hervorragendes Boulderproblem ab, wäre das Einstiegsgelände nicht so furchtbar steinig zum Abspringen. Wolfgang Widder, der der Pfalz ein paar Jahre später den Rücken kehrte und heute einen auf Bayer macht, gelang die erste Begehung des 6m hohen „Blocks“. Seine Schwärmereien am Bärenbrunnerhof über eine Einzelstelle im Schwarzwald, die härter sei als die schwierigste Einzelstelle der damaligen Pfälzer Toprouten, machte Appetit und ließ ein paar Pfälzer nach bereits frühkindlicher Expedition erneut zum Battert nach Baden-Baden pilgern. Ich konnte damals als Zweiter die Züge aneinanderreihen und war glücklich. Karli Widder gelang derweil die erste Wiederholung von „Maßstäbe“, deren Crux sich durch einen einzigen prügelharten und etwas krätzigen Zug knapp unterhalb des Gipfels charakterisieren läßt. Erst im Jahr 2006 bekam „Der Block“ eine dritte Begehung durch Julius Westphal, der nur knapp an einer Flashbegehung vorbeischnappte. Super Ausdauertouren gibts an der „Bismarck-Ostwand“. Der Klassiker im oberen 8. Grad ist Pflicht, etwas leichter gehts in „Wolpertinger“ 8 zur Sache. Die Kombis an der Wand sind allerdings der Hammer. Die lohnendste und die am besten gesicherte dürfte „Ostwand-Wolpertinger“ 9- sein, die luftigste nimmt den Ausstieg der „Möwe Jonathan“ 8+/9- mit einer weiteren bissigen Einzelstelle ganz oben. Auf der Westseite bieten „Paellarührer“ oder die benachbarte „Westwand“ von Martin Schliessler exzeptionellen Leistengenuss zum Aufwärmen im 6.Grad.
Viele Battertgipfel tragen berühmte Dolomitennamen. Steht man auf deren Haupt und schaut sich mal um, weiss man auch gleich warum. Die Cima della Madonna & Sass Maor bieten beide jede Menge tolle Touren mittlerer Schwierigkeit, mit „Weg der Entspannung“ 7+ und „Jugend“ 6 an der Qualitätsfront. In dem kleinen Vorbau der Talseite sollte „Feedback“ 9- nicht unerwähnt bleiben. Die Tour ist sehr kurz, nicht übersichert und man muss ganz schön zuzwicken für den Grad und die Kürze. Um die Ecke sind „Otto´s Kante“ 8- und die „Südwestkante“ 7+ Programm.
Die Masse der Battert-Climbs bietet genussvolles Klettern an Platten, Kanten, Wänden, an Rissen und Dächern, das Angebot ist breit angelegt und die Liste was sonst noch taugt ist lang. Zwischendrin findet man immer wieder die ein oder andere Nummer härterer Gangart. Das macht den Battert zu etwas Besonderem. Zuletzt sah ich ein Porsche Cabriolet auf dem Parkplatz, am Einstieg der Bismarck Ost 8+ stand eine Vuitton Tasche in braun, die Kletterdame trug Prada und es roch nach Sander Delight. Trend, oder nicht Trend, das bleibt hier die Frage.

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