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Baggersee und Winterschnee
Autor: Alex Wenner
Der Artikel ist in gekürzter Fassung im "Klettern" 4/2002 unter dem Titel "Pfälzer Boulderfreuden" erschienen

1-2-3 marschieren wir das nebeldurchdrungene Tal hinab-Einzelne Sonnenstrahlen durchdringen den Laubwald-Es dampft-Wir auf der Suche nach dem letzten Einhorn-Dem letzten griffigen Horn vorm Gipfel-Sitzstartproblem Problem an markantem Lowball- Kratzleiste links, zu Zweifingerseitwärtsabhängdulle-über Horn dynamisch zur Lette- Schluss-Endorphinkontrolle. Bouldern inmitten der mystischen Wälder der Pfalz ist mittlerweile angesagt.

July 2001
Die Hitze ist unerträglich, ein ständiger Wechsel zwischen Baggersee, Eisdiele und den Blöcken im Wald.
Uns läuft das Wasser bis zu den Kniekehlen und ausser einem gut gekühlten Weizen mit Zitrone und den knappen Bikinis am See kann uns eigentlich nichts mehr antörnen. Seit der letzten Boulder-Publikation ist ein Jahr vergangen, dazwischen lag ein wahrhaftig eiskalter Winter und ein nicht allzu schwüler Frühsommer, der uns viele schöne und vor allem neue Blöcke bescherte, ideales Putz- und Boulderwetter also.
Inspiriert durch so viele nackte Tatsachen am See, von denen einige einem Pfälzer Sloper ähnelten, haben wir doch noch unser Crash-Pad bei 30°C Aussentemperatur im Kofferraum verpackt und sind dank Klimaanlage gut gekühlt zum Annweiler Forsthaus gefahren. Das Forsthaus ist einer der neueren Spots im Pfälzer Wald, aber auch einer der mittlerweile besten. Die Wand kommt einem Arapiles in Känguruhland optisch sehr nahe, orangefarbene Streifen wechseln sich ab mit schwarzen Adern, optisch ein wahrer Genuss. Der waden- und knieschonende Zustieg und die am Parkplatz liegende Kneipe, deren Koch es glänzend versteht, die Gaumen der Pfälzer Locals zu stimulieren, komplettieren das romantische Ambiente.
Im rechten Teil dieses Gemäuers führt ein recht unangenehmer Sitz- zum Stehstart von Arapiles 6c+ und erreicht auf die Kürze 7c. Wer den Ausstieg erreicht, darf über eine elegante Rechtsschleife in den Waldhang aussteigen und zum benachbarten Clockwerk Orange 7b wechseln. Der Kultfilm mit der Milchbar und der berühmten Plattenladenszene bietet den mentalen Zugang zu diesem orangefarbenen Kleinod.
Ich bin schon seit Jahren auf der Suche nach einem Musikstück, dass sogar schon die West-Zigaretten-Werbung im Kino begleitete, wenn dieser Raumfahrer in Zeitlupe die Rakete besteigt. Der gleiche Titel hatte Roswitha auf Ibiza in einer extrem heißen, vibrierenden Sommernacht inspiriert und jetzt sitze ich in diesem verdammt schwülen Pfälzer Wald, hab die CD mittlerweile in den USA auftreiben können und zieh' mir das jetzt schon zum x-ten Male ununterbrochen über den Walkman rein. "Struggle for Pleasure" 7c+ startet auch in Clockwerk Orange, quert aber jetzt kompromisslos bis zum äußerst linken Blockende, ein adäquates 3-Sterne Neuland, daß dem Titel der Platte in nichts nachsteht. Auch die Suche nach einer ähnlich guten Traverse würde Jahre dauern.

Rückblende: November 2000
Der Winter ist lang und die Jungs und ein paar Mädels sind eifrig am Bouldern. Bei einem Mountainbikeausflug in die tiefsten und sehr mystischen Winkel des Pfälzer Waldes mußte der Otterfels dran glauben. Pusher 7b, Lost Highway 7b+ , die delikate Sloperrampe am Berg und der Half Moon 7c sind definitiv ein Muss. Nur der Zustieg dürfte, zumindest für meinen Geschmack, etwas kürzer sein. Die Boulder sind durchwegs athletisch, obwohl die Wand nur leicht abdrängt.
Der Mühlenberg, das am weitesten entfernte Hermersberger-Gebiet, konnte sich der intrasüdpfälzischen Invasion nicht erwehren. Angefangen hatte der ganze Spass mit den Traversen wie On a Walkabout 7b+ und At the End of the Universe 7c. Der Lutz hatte in diesem no man's land am Ende des Pfälzer Waldes eine Linie inspiziert, die er auch relativ lässig und schnell, aber mit ein paar stuntverdächtigen Abgängen in den darunter liegenden steilen Waldhang, erstbegehen konnte. Die Damaszenerklinge folgt einer knapp 5m hohen sehr schmalen Kante, die im Beinadduktoren-Anpress-Stil bezwungen werden muss. Ist man ohne Spotter an diesem Block unterwegs und fliegt mann/frau aus der Crux, geht's nach einer kurzen Zwischenlandung am Einstieg, je nach Beschleunigung zwischen 5 und x Meter in den Waldhang, und der ist wirklich steil.
Der Mühlenberg ist ein sehr mystisches Bouldergebiet, das seine Wirkung erst bei Nebel und Schneefall so richtig entfalten kann. An einem dieser kalten und verschneiten Tage entsteht ein Sprung, der kurze Zeit später auf den Namen Circus Maximus 7c+ getauft wird. Diese 3 Züge erinnern sehr stark an das Lánge naiv in Bleau, ist nur etwas schwerer, ein gigantischer Dynamo an den Sloper aller südpfälzischen Sloper. Links und rechts vom Circus bieten die Iron Plates 5+, die F100 Attack 6b+ und die Metamorphose 6a leichteres Gelände zum warm up bzw. cool down. Wer auf platzende Finger steht, kommt am Blood Sport 8a+ nicht vorbei. Der Boulder ist satte 20m lang, startet im Sloper-Dach Mostly harmless, quert danach zur Walkabout Traverse und verlässt diese auch am athletischen Ende. 20m full-pump, aber vom Feinsten.
Das "Im Reich des Drachen", ein weiteres Hermersberger Hof Gebiet, unweit des Mandalablocks gelegen, bietet mit Grisu 7b und dem benachbarten Konkaven Block mit dem Hüpferboulder Kieselbruch edelstes Sloperbouldern mit moderatem Zustieg. Die nervenstarken Boulderer schlendern in aller Regel zum dahinter liegenden Kieneck. Dort können leichte bis mittelschwere Highballs bestiegen werden.

Ab in die Hitze - July 2001
Der Seehof ist auch nicht zu verachten. Im Sommer ein wahrer Hochgenuss für den nach Körperästhetik lechzenden Kinästhesisten. Nach einer weiteren Abkühlung im See fahren wir zum Ringstein, ein alter Treffpunkt römischer Gallier. Diesmal wird die Temperatur sogar noch getopt. 33 °C sind's heute. Einzelne unserer Fetischistengruppierung leiden unter enormer Kreislaufschwäche. Das Ozon tut sein übriges dazu. Schön, daß es mittlerweile Boulder gibt, die eine angenehme Hüfthöhe nicht überschreiten. Alles was länger als einmeterfünfzig ist, würde heute zur Tortour werden. Nur das annabolikarisierende Monster Mike kann es nicht lassen. Tief vergraben im untersten Loch des linken Blockrandes wühlt er sich, ähnlich einer Sandotter, aus dem Sitzstart raus und klettert bis zum Ausstieg des bereits bestehenden Kraftelixiers. Unser Kopf ist so leer, zu stark ozon-gefüllt, dazu schmerzverzerrt, aber Aspirinfrei. Ozon ist dagegen ein recht angenehmer 7a+ Boulder.
Das Kraftelixier 7c/c+ ist eine Ausdauertraverse a la carte. 12 m im Dach, Dachkantenschlüsselstelle und das alles über einem Sandkasten, in dem Bagger und Schaufel wahre Höchstleistung bringen könnten. Aber auch der genussorientierte Freizeitboulderer kommt an diesem geladenen Ort auf seine Kosten. In unmittelbarer Benachbarung des Daches gibt es steile Platten, Kleinstüberhänge und technisch durchaus interessante Highballs, allen voran der Boulder Base Jump 6c+ (7c mit Start Kraftelixier). Dieser sollte nur mit mehreren Matten probiert werden, da am Abschlusssloper nicht ausgestiegen werden kann und die steile Platte stolze 6m hoch ist. Auf dem Rückweg zum Parkplatz darf man sich den Boulder Copyright 7b am Rabenfels, ein wahrhaftig schönes, von Gerd Schöffl erstbegangenes Meisterwerk, nicht entgehen lassen.

Zeitreise - Dezember 2000
Die Weihnachtsdepression ist quasi vorprogrammiert. Ähnlich der Superkompensationskurve eines leistungsorientierten Climbers, entwickelt sich die Anzeigenadel meiner unter der Kommode stehenden Gewichtswaage und stößt in ungeahnte Dimensionen vor.
Nur der Lutz wird immer dünner, ganz so wie der Suppenkaspar.., …nein ich esse meine Suppe nicht.. ich esse auch keine Burger mehr, werd' nur noch trainieren, bis zum Umfallen, und bis mir die Bänder und Sehnen an den Füssen abreißen. Später auch so geschehen, aber das ist ein anderes Thema.
Gelohnt haben sich die Mühe und der Schmerz auf jeden Fall. Kurz vor dem heiligsten Abend aller heiligen Abende, gelang ihm am Medizinmannblock eines meiner alten Projekte, mit dem mystischen Namen Om mani padme hum. Nach einem liegenden Start in Inversion 7b geht's querend über filigrane Stellerleistchen zur Isometrie 7c, und die muss bis zum Gipfel geklettert werden. Die Pfalz bekam an diesem geschichtsträchtigen Tag, an dem die Oma in der naheliegenden Lindemannruhe mit Plätzchen backen beschäftigt war, ihren ersten 8a-Boulder.
Die Haardt zählt schon zu den sehr guten Gebieten im Wald. Mit knapp 200 bisher bestehenden Bouldern in einem phantastischen Labyrinth, ist es ein schönes Gefühl dort Bouldern gehen zu können. Nachdem der Genusssüchtige sich in Smegma erwärmt hat, darf am Mondblock die Sitzstartkante Triforce 6c+, Mondkind 6c, Keep the Faith 6a+ und der 2-Zügler Lunaris, immer mit den Augen Richtung Mond, im Programm nicht fehlen. Wer es etwas ausdauernder mag und schwere Abschlusszüge liebt, klettert den Ingo Bald-Boulder Ligatur 7c, dabei aber die Backen immer schön zusammengepresst, ansonsten..oh.oh.. Durchwegs leichteres Gelände findet der Geniesser im Gebiet II am Heidenfels.

Frühjahrsgefühle Februar 2001
Der Schnee ist weg, die ersten Knospen spriessen, die Frühlingsgefühle flackern und
der Weidenthaler erfährt in diesem Frühjahr eine Renaissance im Klettern. Schon Reinhard Karl hatte mit dem Pfalzwichserweg Klettergeschichte geschrieben, aber der auf allen Varianten langandauernde und steile Zustieg und die durchwegs niedrigen Wandhöhen im oberen Teil des Massivs, liessen keine weiteren nennenswerten Neutouren zu. Aber fürs Bouldern geradezu prädestiniert, hat der "Traum vom Fliegen" 7b einzelne südpfälzische Aspiranten zum Springen aus einer höheren Sphäre inspiriert. Schweighofen oder Bruchsal ist mittlerweile die Dropzone, das Lauterbrunnertal zum Basen das Ziel. Aber auch das ist ein anderes Thema und hat mit Bouldern wenig zu tun. Die Boulder "Sterling Moss" 6c+, Monierung 6c und das im luftigen 2. Durchgang gekletterte Einzugproblem "Air Magic" 7b sollten auf einem Ausflug zu diesem Berg fest eingeplant werden.
Im Februar hatten Ingo und Lutz im Feldzug gegen den Weidenthaler ein paar weitere Schlachten gewonnen. Waterloo 7c+ dürfte mit Abstand der Beste und der vor allem schwerste Boulder am Berg sein. Mit einem Sit down Start im Fotostresser gehts erstmal relativ stressfrei zu flachen Leisten, dann über ein scharfes Zweifingerseitloch zum Traum, diesen steigt mannfrau dann bis in die Platte. Der Wahnsinn bekam an diesem Tag einen Namen . Auch die dazugehörige Kurzpressvariante Trafalgar 7c leitet über in den Topf der Endorphine.

Spätsommerneuland August 2001
Apropos Endorphine, Schokoeis mit Pralinensosse und Trets garniert, ist nicht schlecht, aber der Baggersee ist dann doch schon wieder besser, obwohl es an diesen Tagen schon fast zu kalt wird, um noch ausreichend Sloper anzutreffen.
Die Bedingungen zum Bouldern werden langsam wieder akzeptabler. Neuland muss her. An der Kalmit hatten Heinz Illner , der 1.Vorsitzende der PK (Anm. der Redaktion: Pfälzer Kletterer Vereinigung) und seine Gefährten während ihrer Schulzeit vor vielen vielen Jahren auch schon gebouldert.
Aber erst der gebürtige Sauerländer in Mannheim studierende und in München lebende Ingo Bald hatte das Auge aus dieser wirren Anhäufung aus Blöcken und Türmen ein Bouldergebiet zu entwickeln.
Die Augenkante, ein 6b Boulder, eine klitzekleine Definition und schon steht mannfrau am Gipfel der Genüsse und wenns noch nicht knack gemacht hat, dann sollte man sich auf jeden Fall Touch your fear 7b anschauen. Die Kante zieht in angenehmer überhängender Breite mit unangenehm nah liegenden Block hinter des Kletterers Schultern, hoch hinauf zum Blockende. Sieht aus wie in Bleau , sagte ein vorbeischlendender Wanderer, der in seinem frühreren Leben schon mal gebouldert haben muss. Elegand und extravagand ist auch ein Ausritt auf der Kante gegenüber des Augenblocks. Im Reitersitz gehts in "Stranger than paradise" 6c nach einem kräftigen Klimmzug zum Gipfel. Am Breiten Dach ensteht an einem dieser herrlichen verregneten Spätsommertagen der Boulder Stonemarker. Ein Sprung im waagrechten Dach, super athletisch und 7a. Der Griffausbruch und die hinterlassene Narbe am Kinn wird immer an diesen Ausflug erinnern. Ein Manko gibts allerdings noch: Das Gebiet befindet sich inmitten einer heiteren Resterschliessungsphase, ist daher noch wenig abgeklettert und einige Boulder sind noch ungeputzt.

September 2001
Der Sommer ist nun endgültig vorbei, wobei die Eisdiele immer noch Hochkonjunktur hat. Der Baggersee hat seine Pforten geschlossen und somit treibt es uns notgedrungen ununterbrochen zu den Blöcken im Wald. Unter der Woche mieten wir die Hütte unserer PK-Freunde, es kommt zu einem Pfälzer Spitzentreffen. Mike Tscharner und der Jonas aus der Schweiz besuchen uns. Joshua und Christian, zwei weitere Schweizer und Dieter, ein Boulderer aus Augsburg stossen noch dazu. Am Mühlenberg gräbt Mike einen neuen 7b-Boulder aus, der Rest der Gruppe vergnügt sich an den runden Slopern am Forsthaus. Flare 7b, ein neuer Jetsprung zum Einstieg der Linken Titte und Blue Velvet müssen sich gestählten Oberkörpern hingeben. Abends zeigt uns Wolfi nach ein paar Bier, gut gespottet den Stuhlboulder am Bärenbrunnerhof. Schnell entpuppt sich die Umrundung dieses Stahlboulders als ein neues Testpiece im Pfälzer Wald. Nach ein paar Weizen geht auch dieser Tag zu Ende und ich bin mir sicher, dass noch viele Tage dieser Art folgen werden.

Oktober 2001 bis zum Tag X
Der Pfälzer Wald ist voll mit Blöcken, sie müssen einfach nur entdeckt und bestiegen werden…