1-2-3 marschieren wir das nebeldurchdrungene Tal hinab-Einzelne
Sonnenstrahlen durchdringen den Laubwald-Es dampft-Wir auf der Suche
nach dem letzten Einhorn-Dem letzten griffigen Horn vorm Gipfel-Sitzstartproblem
Problem an markantem Lowball- Kratzleiste links, zu Zweifingerseitwärtsabhängdulle-über
Horn dynamisch zur Lette- Schluss-Endorphinkontrolle. Bouldern inmitten
der mystischen Wälder der Pfalz ist mittlerweile angesagt.
July 2001 Die Hitze ist unerträglich, ein ständiger Wechsel zwischen
Baggersee, Eisdiele und den Blöcken im Wald.
Uns läuft das Wasser bis zu den Kniekehlen und ausser einem gut
gekühlten Weizen mit Zitrone und den knappen Bikinis am See kann
uns eigentlich nichts mehr antörnen. Seit der letzten Boulder-Publikation
ist ein Jahr vergangen, dazwischen lag ein wahrhaftig eiskalter Winter
und ein nicht allzu schwüler Frühsommer, der uns viele schöne
und vor allem neue Blöcke bescherte, ideales Putz- und Boulderwetter
also.
Inspiriert durch so viele nackte Tatsachen am See, von denen einige
einem Pfälzer Sloper ähnelten, haben wir doch noch unser Crash-Pad
bei 30°C Aussentemperatur im Kofferraum verpackt und sind dank Klimaanlage
gut gekühlt zum Annweiler Forsthaus gefahren. Das Forsthaus ist
einer der neueren Spots im Pfälzer Wald, aber auch einer der mittlerweile
besten. Die Wand kommt einem Arapiles in Känguruhland optisch sehr
nahe, orangefarbene Streifen wechseln sich ab mit schwarzen Adern, optisch
ein wahrer Genuss. Der waden- und knieschonende Zustieg und die am Parkplatz
liegende Kneipe, deren Koch es glänzend versteht, die Gaumen der
Pfälzer Locals zu stimulieren, komplettieren das romantische Ambiente.
Im rechten Teil dieses Gemäuers führt ein recht unangenehmer
Sitz- zum Stehstart von Arapiles 6c+ und erreicht auf die Kürze
7c. Wer den Ausstieg erreicht, darf über eine elegante Rechtsschleife
in den Waldhang aussteigen und zum benachbarten Clockwerk Orange 7b
wechseln. Der Kultfilm mit der Milchbar und der berühmten Plattenladenszene
bietet den mentalen Zugang zu diesem orangefarbenen Kleinod.
Ich bin schon seit Jahren auf der Suche nach einem Musikstück,
dass sogar schon die West-Zigaretten-Werbung im Kino begleitete, wenn
dieser Raumfahrer in Zeitlupe die Rakete besteigt. Der gleiche Titel
hatte Roswitha auf Ibiza in einer extrem heißen, vibrierenden
Sommernacht inspiriert und jetzt sitze ich in diesem verdammt schwülen
Pfälzer Wald, hab die CD mittlerweile in den USA auftreiben können
und zieh' mir das jetzt schon zum x-ten Male ununterbrochen über
den Walkman rein. "Struggle for Pleasure" 7c+ startet auch
in Clockwerk Orange, quert aber jetzt kompromisslos bis zum äußerst
linken Blockende, ein adäquates 3-Sterne Neuland, daß dem
Titel der Platte in nichts nachsteht. Auch die Suche nach einer ähnlich
guten Traverse würde Jahre dauern.
Rückblende: November 2000 Der Winter ist lang und die Jungs und ein paar Mädels sind eifrig
am Bouldern. Bei einem Mountainbikeausflug in die tiefsten und sehr
mystischen Winkel des Pfälzer Waldes mußte der Otterfels
dran glauben. Pusher 7b, Lost Highway 7b+ , die delikate Sloperrampe
am Berg und der Half Moon 7c sind definitiv ein Muss. Nur der Zustieg
dürfte, zumindest für meinen Geschmack, etwas kürzer
sein. Die Boulder sind durchwegs athletisch, obwohl die Wand nur leicht
abdrängt.
Der Mühlenberg, das am weitesten entfernte Hermersberger-Gebiet,
konnte sich der intrasüdpfälzischen Invasion nicht erwehren.
Angefangen hatte der ganze Spass mit den Traversen wie On a Walkabout
7b+ und At the End of the Universe 7c. Der Lutz hatte in diesem no man's
land am Ende des Pfälzer Waldes eine Linie inspiziert, die er auch
relativ lässig und schnell, aber mit ein paar stuntverdächtigen
Abgängen in den darunter liegenden steilen Waldhang, erstbegehen
konnte. Die Damaszenerklinge folgt einer knapp 5m hohen sehr schmalen
Kante, die im Beinadduktoren-Anpress-Stil bezwungen werden muss. Ist
man ohne Spotter an diesem Block unterwegs und fliegt mann/frau aus
der Crux, geht's nach einer kurzen Zwischenlandung am Einstieg, je nach
Beschleunigung zwischen 5 und x Meter in den Waldhang, und der ist wirklich
steil.
Der Mühlenberg ist ein sehr mystisches Bouldergebiet, das seine
Wirkung erst bei Nebel und Schneefall so richtig entfalten kann. An
einem dieser kalten und verschneiten Tage entsteht ein Sprung, der kurze
Zeit später auf den Namen Circus Maximus 7c+ getauft wird. Diese
3 Züge erinnern sehr stark an das Lánge naiv in Bleau, ist
nur etwas schwerer, ein gigantischer Dynamo an den Sloper aller südpfälzischen
Sloper. Links und rechts vom Circus bieten die Iron Plates 5+, die F100
Attack 6b+ und die Metamorphose 6a leichteres Gelände zum warm
up bzw. cool down. Wer auf platzende Finger steht, kommt am Blood Sport
8a+ nicht vorbei. Der Boulder ist satte 20m lang, startet im Sloper-Dach
Mostly harmless, quert danach zur Walkabout Traverse und verlässt
diese auch am athletischen Ende. 20m full-pump, aber vom Feinsten.
Das "Im Reich des Drachen", ein weiteres Hermersberger Hof
Gebiet, unweit des Mandalablocks gelegen, bietet mit Grisu 7b und dem
benachbarten Konkaven Block mit dem Hüpferboulder Kieselbruch edelstes
Sloperbouldern mit moderatem Zustieg. Die nervenstarken Boulderer schlendern
in aller Regel zum dahinter liegenden Kieneck. Dort können leichte
bis mittelschwere Highballs bestiegen werden.
Ab in die Hitze - July 2001 Der Seehof ist auch nicht zu verachten. Im Sommer ein wahrer Hochgenuss
für den nach Körperästhetik lechzenden Kinästhesisten.
Nach einer weiteren Abkühlung im See fahren wir zum Ringstein,
ein alter Treffpunkt römischer Gallier. Diesmal wird die Temperatur
sogar noch getopt. 33 °C sind's heute. Einzelne unserer Fetischistengruppierung
leiden unter enormer Kreislaufschwäche. Das Ozon tut sein übriges
dazu. Schön, daß es mittlerweile Boulder gibt, die eine angenehme
Hüfthöhe nicht überschreiten. Alles was länger als
einmeterfünfzig ist, würde heute zur Tortour werden. Nur das
annabolikarisierende Monster Mike kann es nicht lassen. Tief vergraben
im untersten Loch des linken Blockrandes wühlt er sich, ähnlich
einer Sandotter, aus dem Sitzstart raus und klettert bis zum Ausstieg
des bereits bestehenden Kraftelixiers. Unser Kopf ist so leer, zu stark
ozon-gefüllt, dazu schmerzverzerrt, aber Aspirinfrei. Ozon ist
dagegen ein recht angenehmer 7a+ Boulder.
Das Kraftelixier 7c/c+ ist eine Ausdauertraverse a la carte. 12 m im
Dach, Dachkantenschlüsselstelle und das alles über einem Sandkasten,
in dem Bagger und Schaufel wahre Höchstleistung bringen könnten.
Aber auch der genussorientierte Freizeitboulderer kommt an diesem geladenen
Ort auf seine Kosten. In unmittelbarer Benachbarung des Daches gibt
es steile Platten, Kleinstüberhänge und technisch durchaus
interessante Highballs, allen voran der Boulder Base Jump 6c+ (7c mit
Start Kraftelixier). Dieser sollte nur mit mehreren Matten probiert
werden, da am Abschlusssloper nicht ausgestiegen werden kann und die
steile Platte stolze 6m hoch ist. Auf dem Rückweg zum Parkplatz
darf man sich den Boulder Copyright 7b am Rabenfels, ein wahrhaftig
schönes, von Gerd Schöffl erstbegangenes Meisterwerk, nicht
entgehen lassen.
Zeitreise - Dezember 2000 Die Weihnachtsdepression ist quasi vorprogrammiert. Ähnlich der
Superkompensationskurve eines leistungsorientierten Climbers, entwickelt
sich die Anzeigenadel meiner unter der Kommode stehenden Gewichtswaage
und stößt in ungeahnte Dimensionen vor.
Nur der Lutz wird immer dünner, ganz so wie der Suppenkaspar..,
…nein ich esse meine Suppe nicht.. ich esse auch keine Burger
mehr, werd' nur noch trainieren, bis zum Umfallen, und bis mir die Bänder
und Sehnen an den Füssen abreißen. Später auch so geschehen,
aber das ist ein anderes Thema.
Gelohnt haben sich die Mühe und der Schmerz auf jeden Fall. Kurz
vor dem heiligsten Abend aller heiligen Abende, gelang ihm am Medizinmannblock
eines meiner alten Projekte, mit dem mystischen Namen Om mani padme
hum. Nach einem liegenden Start in Inversion 7b geht's querend über
filigrane Stellerleistchen zur Isometrie 7c, und die muss bis zum Gipfel
geklettert werden. Die Pfalz bekam an diesem geschichtsträchtigen
Tag, an dem die Oma in der naheliegenden Lindemannruhe mit Plätzchen
backen beschäftigt war, ihren ersten 8a-Boulder.
Die Haardt zählt schon zu den sehr guten Gebieten im Wald. Mit
knapp 200 bisher bestehenden Bouldern in einem phantastischen Labyrinth,
ist es ein schönes Gefühl dort Bouldern gehen zu können.
Nachdem der Genusssüchtige sich in Smegma erwärmt hat, darf
am Mondblock die Sitzstartkante Triforce 6c+, Mondkind 6c, Keep the
Faith 6a+ und der 2-Zügler Lunaris, immer mit den Augen Richtung
Mond, im Programm nicht fehlen. Wer es etwas ausdauernder mag und schwere
Abschlusszüge liebt, klettert den Ingo Bald-Boulder Ligatur 7c,
dabei aber die Backen immer schön zusammengepresst, ansonsten..oh.oh..
Durchwegs leichteres Gelände findet der Geniesser im Gebiet II
am Heidenfels.
Frühjahrsgefühle Februar
2001
Der Schnee ist weg, die ersten Knospen spriessen, die Frühlingsgefühle
flackern und
der Weidenthaler erfährt in diesem Frühjahr eine Renaissance
im Klettern. Schon Reinhard Karl hatte mit dem Pfalzwichserweg Klettergeschichte
geschrieben, aber der auf allen Varianten langandauernde und steile
Zustieg und die durchwegs niedrigen Wandhöhen im oberen Teil des
Massivs, liessen keine weiteren nennenswerten Neutouren zu. Aber fürs
Bouldern geradezu prädestiniert, hat der "Traum vom Fliegen"
7b einzelne südpfälzische Aspiranten zum Springen aus einer
höheren Sphäre inspiriert. Schweighofen oder Bruchsal ist
mittlerweile die Dropzone, das Lauterbrunnertal zum Basen das Ziel.
Aber auch das ist ein anderes Thema und hat mit Bouldern wenig zu tun.
Die Boulder "Sterling Moss" 6c+, Monierung 6c und das im luftigen
2. Durchgang gekletterte Einzugproblem "Air Magic" 7b sollten
auf einem Ausflug zu diesem Berg fest eingeplant werden.
Im Februar hatten Ingo und Lutz im Feldzug gegen den Weidenthaler ein
paar weitere Schlachten gewonnen. Waterloo 7c+ dürfte mit Abstand
der Beste und der vor allem schwerste Boulder am Berg sein. Mit einem
Sit down Start im Fotostresser gehts erstmal relativ stressfrei zu flachen
Leisten, dann über ein scharfes Zweifingerseitloch zum Traum, diesen
steigt mannfrau dann bis in die Platte. Der Wahnsinn bekam an diesem
Tag einen Namen . Auch die dazugehörige Kurzpressvariante Trafalgar
7c leitet über in den Topf der Endorphine.
Spätsommerneuland August
2001 Apropos Endorphine, Schokoeis mit Pralinensosse und Trets garniert,
ist nicht schlecht, aber der Baggersee ist dann doch schon wieder besser,
obwohl es an diesen Tagen schon fast zu kalt wird, um noch ausreichend
Sloper anzutreffen.
Die Bedingungen zum Bouldern werden langsam wieder akzeptabler. Neuland
muss her. An der Kalmit hatten Heinz Illner , der 1.Vorsitzende der
PK (Anm. der Redaktion: Pfälzer Kletterer Vereinigung) und seine
Gefährten während ihrer Schulzeit vor vielen vielen Jahren
auch schon gebouldert.
Aber erst der gebürtige Sauerländer in Mannheim studierende
und in München lebende Ingo Bald hatte das Auge aus dieser wirren
Anhäufung aus Blöcken und Türmen ein Bouldergebiet zu
entwickeln.
Die Augenkante, ein 6b Boulder, eine klitzekleine Definition und schon
steht mannfrau am Gipfel der Genüsse und wenns noch nicht knack
gemacht hat, dann sollte man sich auf jeden Fall Touch your fear 7b
anschauen. Die Kante zieht in angenehmer überhängender Breite
mit unangenehm nah liegenden Block hinter des Kletterers Schultern,
hoch hinauf zum Blockende. Sieht aus wie in Bleau , sagte ein vorbeischlendender
Wanderer, der in seinem frühreren Leben schon mal gebouldert haben
muss. Elegand und extravagand ist auch ein Ausritt auf der Kante gegenüber
des Augenblocks. Im Reitersitz gehts in "Stranger than paradise"
6c nach einem kräftigen Klimmzug zum Gipfel. Am Breiten Dach ensteht
an einem dieser herrlichen verregneten Spätsommertagen der Boulder
Stonemarker. Ein Sprung im waagrechten Dach, super athletisch und 7a.
Der Griffausbruch und die hinterlassene Narbe am Kinn wird immer an
diesen Ausflug erinnern. Ein Manko gibts allerdings noch: Das Gebiet
befindet sich inmitten einer heiteren Resterschliessungsphase, ist daher
noch wenig abgeklettert und einige Boulder sind noch ungeputzt.
September 2001 Der Sommer ist nun endgültig vorbei, wobei die Eisdiele immer noch Hochkonjunktur
hat. Der Baggersee hat seine Pforten geschlossen und somit treibt es
uns notgedrungen ununterbrochen zu den Blöcken im Wald. Unter der Woche
mieten wir die Hütte unserer PK-Freunde, es kommt zu einem Pfälzer Spitzentreffen.
Mike Tscharner und der Jonas aus der Schweiz besuchen uns. Joshua und
Christian, zwei weitere Schweizer und Dieter, ein Boulderer aus Augsburg
stossen noch dazu. Am Mühlenberg gräbt Mike einen neuen 7b-Boulder aus,
der Rest der Gruppe vergnügt sich an den runden Slopern am Forsthaus.
Flare 7b, ein neuer Jetsprung zum Einstieg der Linken Titte und Blue
Velvet müssen sich gestählten Oberkörpern hingeben. Abends zeigt uns
Wolfi nach ein paar Bier, gut gespottet den Stuhlboulder am Bärenbrunnerhof.
Schnell entpuppt sich die Umrundung dieses Stahlboulders als ein neues
Testpiece im Pfälzer Wald. Nach ein paar Weizen geht auch dieser Tag
zu Ende und ich bin mir sicher, dass noch viele Tage dieser Art folgen
werden.
Oktober 2001 bis zum Tag X Der Pfälzer Wald ist voll mit Blöcken, sie müssen einfach nur entdeckt
und bestiegen werden…